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Editorial: Vergoogelt und entPALMt

HPs überstürzte Geschäftsaufgabe
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Erst gekauft, jetzt stillgelegt: Palm und webOS.Erst gekauft, jetzt stillgelegt: Palm und webOS. Gleich zwei spektakuläre Meldungen gab es diese Woche über die Hersteller von Endgeräten: Google kauft die kränkelnde Handy-Sparte von Motorola für stolze 12,5 Milliarden Dollar. Und HP stellt kurzerhand das komplette Geschäft mit mobilen Endgeräten ein. Dabei hatte HP den PDA- und Smartphone-Hersteller Palm erst vor knapp über einem Jahr samt Smartphone-Betriebssystem webOS übernommen gehabt.

Zunächst zu Google: Die ganze Welt kommentiert zu recht, und Google-CEO Larry Page erklärt auch selber, dass Google gar kein Interesse daran haben dürfte, selber Handys und Tablets herzustellen. Mit den unter Google-Label laufenden Nexus S und Nexus One sollten sie schon genug schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vielmehr dürfte es Google um Munition im aktuellen Patent-Krieg gehen: Mit Motorola erwerben sie bis zu 24.000 Schuss, äh Patente, soweit alle aktuellen Anträge auch genehmigt werden.

Allerdings stellt sich die Frage, ob Google wirklich das große Patent-Portfolio Motorolas braucht, oder ob nicht die kleinere Sammlung von Palm und HPs Mobil-Abteilung gereicht hätte. Google hätte also möglicherweise einige Milliarden sparen können, Und auch die Frage, was man mit dem mit den Patenten übernommenen Handy- und Tablet-Geschäft des jeweiligen Herstellers (Motorola bzw. Palm/HP) macht, wäre dank geringerer Stückzahlen bei Palm/HP viel einfacher zu lösen.

Denn sollte Google mit Motorola-Android-Geräten erfolgreich sein, könnte das sehr leicht Verstimmungen bei Samsung, HTC und LG auslösen, was dann wiederum Googles Android-Lizenzgeschäft belastet. Wenn die Google-Lenker hingegen Motorolas Handy-Geschäft in bester Siemens-Benq-Manier gegen die Wand fahren, bleibt die Beziehung zu den asiatischen Herstellern ungetrübt, dafür leidet die Marke "Google".

Ein Ausweg kann sein, dass Motorolas Hauptgeschäft inzwischen gar nicht mehr Handys sind, sondern Set-Top-Boxen für breitbandige Onlinezugänge samt Internet-TV. Gelingt es, dieses Geschäft beispielsweise mit Google TV noch etwas zu steigern, kann Google auch weiterhin alle Motorola-Mitarbeiter bezahlen und die Fertigungskapazitäten auslasten. Dann bleiben Google die Negativmeldungen über Massenentlassungen erspart, selbst dann, wenn der Handy-Hersteller Motorola vom Marktanteil noch weiter abrutscht.

Will HP keine Verbraucher mehr?

Bei HP verwundert auf den ersten Blick in den Ankündigungen, dass man nicht nur webOS aufgeben will, sondern möglicherweise auch gleich noch das komplette PC-Geschäft abstoßen will. Zwar ist HP führender PC-Hersteller weltweit, doch mit dem Zusammenbau von PCs und Laptops für Verbraucher lässt sich vergleichsweise wenig Geld verdienen: Die erzielbaren Verkaufspreise liegen bei Standardgeräten nur wenig höher als die Summe der Preise aller Komponenten. Mit Edel-Endgeräten lässt sich mehr Geld verdienen, doch sind in diesem Bereich die Stückzahlen verhältnismäßig gering.

Hinzu kommt, dass der boomende Tablet-Markt in den kommenden Jahren den klassischen PC-Markt unter Druck setzen wird, was die Margen weiter verschlechtern dürfte. Dieser Druck ist bereits aktuell spürbar: Dank guter iPad-2-Verkaufszahlen konnte Apple im zweiten Quartal 2011 mehr Tablets verkaufen (10,7 Millionen) als HP an Laptops, Netbooks und Tablets zusammen (9,7 Millionen). Zusammen mit 2,9 Millionen MacBooks ist damit Apple laut dem Marktforschungsunternehmen DisplaySearch inzwischen mit Abstand der Hersteller Nr. 1 für mobile Computer, vor HP.

Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, warum HP die Notbremse zieht: Mit "Wintel" (Windows-Intel-basierten Geräten) wird es in den kommenden Jahren schwierig, Geld zu verdienen. Gegen die führende Tablet-Plattform iOS bekommt HP mit dem eigenen webOS keinen Fuß in die Tür. Und mit Android als Betriebssystem droht HP ein Preis- und Produktzyklenwettbewerb, den sie nur schwer gegen die Hersteller aus Fernost gewinnen können.

Mit Servern und Druckern (bzw., genauer gesagt, mit dem Drucker-Verbrauchsmaterial wie Tinte und Toner) verdient HP viel bessere Margen als mit PCs und Laptops. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Aufgabe des PC-Geschäfts nicht auch die anderen vorgenannten Geschäftsfelder beschädigen kann: Negativ-Image einer Marke färbt leicht von einem Produkt zum nächsten ab. Bei IBM hatte der Verkauf des PC-Geschäfts an Lenovo geklappt und IBM ist weiterhin ein erfolgreiches IT-Systemhaus. Aber ob der Verkauf des PC-Geschäfts auch bei einem stärker als Endgeräte-Hersteller profilierten Unternehmen wie HP klappen kann?

Wählerische Endverbraucher

Das Beispiel Palm/HP zeigt erneut, wie schwierig der Markt der mobilen Endgeräte ist. Trotz kräftigen Gesamtwachstums, trotz nochmals stärkerem Spartenwachstum bei den Smartphones und trotz komplett neu entstehender Sparten wie den Tablets, sieht alles danach aus, dass Nokia, Palm, Motorola und Blackberry auf der Strecke bleiben werden. Dabei waren alle dereinst oder gar bis vor kurzem Marktführer in ihrem Bereich: Nokia bei Smartphones, Palm bei PDAs, Motorola bei Klapphandys bzw. bei Handys in den USA, Blackberry bei E-Mail-Handys.

Ein starker Treiber für diese Entwicklung ist wie schon im PC-Bereich die Kompatibilität: Eine Smartphone-App, die man bei seinem Freund sieht, möchte man auch auf dem eigenen Gerät installieren können. Da es unmöglich alle Apps für alle Systeme geben kann, drückt das auf die Systemvielfalt. Anders als Google und Apple schaff(t)en es die genannten weiteren Hersteller nicht, genügend App-Entwickler um ihre Plattform zu scharen.

Vor allem aber sind Verbraucher wählerisch und abwartend: Nur, weil ein Gerät eine gute Papierform hat, greifen sie noch lange nicht sofort zu, sondern warten zum größten Teil erstmal ab, wie sich das Gerät bewährt. Erst dann, wenn sie viel gutes gehört haben, wagen sie es vielleicht, die Nachfolgerversion zu kaufen, wenn diese nach Papierform noch besser ist. Apple hat es hier geschafft, mit regelmäßigen, jährlichen Steigerungen von iPhone zu iPhone viel Vertrauen aufzubauen. Die Konkurrenz hingegen nicht.

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