Editorial: Terminierungs-Entgelt halbiert, Wettbewerb gestärkt
05.12.2010 18:13
Bundesnetzagentur macht den Weg frei für günstige Anrufe zum Handy
Von
 BNetzA halbiert Terminierungsentgelte
169 Milliarden Minuten haben
die Deutschen letztes Jahr mobil telefoniert. Davon waren - wenn der
Anteil im Vergleich zu den beiden Vorjahren gleich geblieben ist -
44 Prozent ankommende Telefonate, bei denen ein Gespräch am Handy
entgegengenommen wurde, entsprechend gut 74 Milliarden Minuten.
Von denen kommen wiederum geschätzte 33 bis 50 Prozent aus einem
Fremdnetz (anderes Handynetz, Festnetz, Ausland), entsprechend bis zu
37 Milliarden Minuten.
Für letztere kassieren die Netzbetreiber der angerufenen Kunden die
Terminierungs-Entgelte, die auch allgemein
als Interconnect (kurz: "IC")-Entgelte bezeichnet werden. Diese hat die
Bundesnetzagentur
zum 1. Dezember glatt halbiert, von bisher 6,59 bis
7,14 Cent pro Minute auf nur noch 3,33 bis 3,37 Cent pro
Minute. Eine gute Milliarde Euro fehlt damit den
Handy-Netzbetreibern künftig auf der Einnahmenseite, und das Jahr
für Jahr!
Definitiv ist die drastische Senkung eine gewagte Maßnahme der
Bundesnetzagentur, die bisher eher die Strategie der
kleinen Schritte verfolgte. Das
Wehklagen der Netztreiber lies folglich nicht lange auf sich
warten. Dennoch: Schaut man sich den Mobilfunkmarkt als Ganzes an,
gibt es keine Alternative zur drastischen IC-Senkung, die auch
wiederholt von teltarif.de gefordert
wurde. Der Bundesnetzagentur ist daher zum Mut zur starken Absenkung
der IC-Entgelte zu gratulieren. Zum selben Schluss kamen übrigens auch
die Regulierer in Österreich und der
Schweiz, und haben
dort ebenfalls drastische IC-Senkungen durchgesetzt.
IC-Entgelte stehen auch auf der Ausgabenseite!
Wichtig für das Gesamtbild ist insbesondere, dass die IC-Entgelte bei den
Telekommunikationsanbietern nicht nur auf der Einnahmenseite stehen,
sondern auch auf der Ausgabenseite. Die IC-Entgelte werden ja nicht
von Endkunden bezahlt, sondern von Telekommunikationsfirmen untereinander.
Folglich wird dem Gesamtmarkt durch die IC-Senkung nur wenig Geld entzogen.
Jedoch werden die vorhandenen Einnahmen anders - nämlich gerechter -
verteilt:
- Beispiel Mobilfunk-Prepaid-Discounter: Addiert man zum bisherigen
Terminierungs-Entgelt von 7,14 Cent pro Minute noch die Mehrwertsteuer,
erhält man einen Betrag von 8,50 Cent pro Minute. Angesichts üblicher
Minutenpreise von 8 bis 9 Cent pro Minute für Fremdnetztelefonate
bei Prepaid-Discountern
hatten wir damit die aberwitzige Situation, dass Netzbetreiber und
Prepaid-Anbieter des Kunden, der den Anruf aufbaut, fast nichts mehr
verdienen bzw. sogar draufzahlen, während das ganze Geld zum
Netzbetreiber des angerufenen Kunden geht!
Die IC-Senkung wird bei wahrscheinlich weitgehend unverändertem
Minutenpreis der Prepaid-Discounter nun dazu führen, dass die
Erlöse eines Fremdnetztelefonats etwa hälftig zwischen abgehender
Seite und ankommender Seite geteilt werden. Angesichts dessen, dass
auch der technische Aufwand auf beiden Seiten etwa gleich groß ist,
eine faire Lösung.
Im nicht regulierten, sondern frei verhandelten Innenverhältnis
zwischen einem Netzbetreiber und einem Discounter in seinem Netz
wird es hingegen sehr wahrscheinlich Verschiebungen geben. Da die
Netzbetreiber künftig mit den IC-Entgelten der ankommenden Gespräche
nur noch die Hälfte verdienen, werden sie zum Ausgleich voraussichtlich
im selben Umfang die Minutenentgelte erhöhen, die sie den Discountern
bei abgehenden Fremdnetztelefonaten für die Mitnutzung des eigenen
Netzes in Rechnung stellen. Diese Erhöhung macht den Discountern die
Weitergabe der gesenkten IC-Entgelte an ihre Kunden wirtschaftlich
unmöglich.
In Summe bleiben damit die Gewinne der Discounter und Netzbetreiber
für Telefonate zwischen den Mobilfunknetzen gleich. Bei ausgewogenem
Anrufverhalten (gleich viele Anrufe von Discounter A in Netz X zu
Discounter B in Netz Y und umgekehrt)
bleiben sogar die Gewinne jedes beteiligten Netzbetreibers bzw.
Discounters in etwa gleich. Es sinken lediglich die gegenseitigen
Transferzahlungen. Ist das Anrufverhalten nicht ausgewogen, gewinnt
die Seite, von der aus mehr Gespräche abgehend geführt werden.
- Die reduzierten Interconnect-Entgelte verbessern allerdings die
Kalkulationsrundlage für alternative Preismodelle, die einen extrem
günstigen Minutenpreis mit einer weiteren Preiskomponente kombinieren,
etwa einem monatlichen Grundpreis oder einem Verbindungsaufbauentgelt
pro Anruf. Paradebeispiel hierfür ist der zeitweilig von
Debitel angebotene
Crash 5 mit einem
Minutenpreis von nur 5 Cent, aber einer zusätzlichen
monatlichen Grundgebühr von 2,50 Euro. Eine Neuauflage des
Crash 5, diesmal auch ohne die die Kundenzahl limitierende
Auktionsplattform, erscheint also wahrscheinlich. Freilich sparen
damit nur die Kunden, die wirklich ausreichend viel telefonieren.
- Beispiel Festnetz-Anbieter: Historisch bedingt verwenden die
Festnetze ein vollkommen anderes Kostenmodell als die Mobilfunknetze.
Im Festnetz decken die Grundgebühren den größten Teil der Kosten für
die Bereitstellung des Anschlusses und dem (anteiligen) Telefonnetz
dahinter ab. Entsprechend niedrig sind die Minutenpreise und erst
recht die Terminierungs-Entgelte, die nur noch den zusätzlichen
Aufwand für das jeweilige Telefonat betrachten (so genannte
Grenzkosten). Im Mobilfunk dient die Grundgebühr, so weit überhaupt
eine erhoben wird, traditionell der
Rückzahlung der Handy-Subvention und/oder dem Bezug von
Inklusivleistungen wie Sprach- oder Datenflatrates. Entsprechend
hoch ist der Minutenpreis, da er eine Umlage der Bereitstellungskosten
für das Netz enthält.
Beide Modelle für die Umlage der Fixkosten - anschlussbasiert beim
Festnetz, nutzungsbasiert beim Mobilfunk - sind für sich genommen nicht
zu beanstanden. Man findet beide auch in zahlreichen anderen
Wirtschaftsbereichen vor. So werden die Brötchen beim Bäcker in
der Regel nutzungsbasiert abgerechnet: Der Basispreis wird mit der
Zahl der gekauften Brötchen multipliziert. Die all-inclusive-Pauschalreise
entspricht hingegen dem anschlussbasierten Modell: Man zahlt für das
Dabeisein, egal, ob man sich früh, mittags und abends an den Buffets
vollschlägt und zwischendurch an der Bar volllaufen lässt, oder ob
man ob des schlechten Touristenhotel-Essens auf die umgebende
Gastronomie ausweicht.
Auch, wenn jedes Abrechnungsmodell für sich genommen sinnvoll
ist: Bei der Kombination der beiden knirscht es an den Schnittstellen
zwangsläufig gewaltig. Konkret gab es in der Vergangenheit hohen
Mobilfunk-IC (in der Größenordnung 10 Cent pro Minute) und
niedrigen Festnetz-IC (in der Größenordnung 1 Cent pro Minute).
Damit subventionierten die Festnetze
die Mobilnetze. Denn egal, wierum ein Gespräch ging, Festnetz zu
Handy oder Handy zu Festnetz, der größte Teil der Entgelte blieb
beim Mobilnetz hängen. Das ändert sich jetzt etwas.
- Beispiel Call by Call: Call-by-Call-Anbieter arbeiten traditionell
margeneng. Erste Preissenkungen für Call-by-Call-Telefonate zum Handy
gab es bereits Stunden nach Bekanntgabe der neuen Interconnect-Entgelte.
Binnen weniger Tage, maximal Wochen, werden viele Anbieter folgen und
die Call-by-Call-Nutzer überwiegend auf Nummern von preisgünstigen
Anbietern in die Handy-Netze setzen.
Dadurch sparen die Endkunden bares Geld für Anrufe zum Handy. Dieses
Geld - ein vergleichsweise kleiner Betrag im Verhältnis zum
Gesamtumsatz - wird damit der Tk-Branche insgesamt entzogen.
Gleichzeitig werden die gesenkten Kosten aber dazu führen, dass
wieder mehr Telefonate vom Festnetz zum Handy geführt werden. Somit
werden steigende Minutenzahlen für die Netzbetreiber einen Teil der
IC-Ausfälle kompensieren. Zugleich sinkt der soziale Druck auf
Endkunden, einen Festnetzanschluss zu behalten, um günstig erreichbar
zu sein. Dadurch wird sich die im Sprachbereich praktisch weltweit
zu beobachtende zunehmende Ersetzung des Festnetzes durch die
Mobilfunknetze auch hierzulande wieder etwas beschleunigen. Davon
profitieren wiederum die Netzbetreiber.
Die Quintessenz ist: Kurzfristig profitieren von der IC-Senkung vor allem
die Festnetze, weil die Subvention der Mobilnetze durch die Festnetze reduziert wird.
Gleichzeitig nimmt die Tarifvielfalt im Mobilfunkmarkt weiter zu.
Langfristig gesehen profitieren hingegen die Mobilfunknetze, denn
ihre Marktsituation wird durch die günstigere Erreichbarkeit ihrere
Kunden entscheidend verbessert. Die Kunden wiederum profitieren, weil
immer weniger unnötigerweise zwei Anschlüsse parallel betreiben.
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