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Editorial: Terminierungs-Entgelt halbiert, Wettbewerb gestärkt

Bundesnetzagentur macht den Weg frei für günstige Anrufe zum Handy
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BNetzA halbiert TerminierungsentgelteBNetzA halbiert Terminierungsentgelte 169 Milliarden Minuten haben die Deutschen letztes Jahr mobil telefoniert. Davon waren - wenn der Anteil im Vergleich zu den beiden Vorjahren gleich geblieben ist - 44 Prozent ankommende Telefonate, bei denen ein Gespräch am Handy entgegengenommen wurde, entsprechend gut 74 Milliarden Minuten. Von denen kommen wiederum geschätzte 33 bis 50 Prozent aus einem Fremdnetz (anderes Handynetz, Festnetz, Ausland), entsprechend bis zu 37 Milliarden Minuten.

Für letztere kassieren die Netzbetreiber der angerufenen Kunden die Terminierungs-Entgelte, die auch allgemein als Interconnect (kurz: "IC")-Entgelte bezeichnet werden. Diese hat die Bundesnetzagentur zum 1. Dezember glatt halbiert, von bisher 6,59 bis 7,14 Cent pro Minute auf nur noch 3,33 bis 3,37 Cent pro Minute. Eine gute Milliarde Euro fehlt damit den Handy-Netzbetreibern künftig auf der Einnahmenseite, und das Jahr für Jahr!

Definitiv ist die drastische Senkung eine gewagte Maßnahme der Bundesnetzagentur, die bisher eher die Strategie der kleinen Schritte verfolgte. Das Wehklagen der Netztreiber lies folglich nicht lange auf sich warten. Dennoch: Schaut man sich den Mobilfunkmarkt als Ganzes an, gibt es keine Alternative zur drastischen IC-Senkung, die auch wiederholt von teltarif.de gefordert wurde. Der Bundesnetzagentur ist daher zum Mut zur starken Absenkung der IC-Entgelte zu gratulieren. Zum selben Schluss kamen übrigens auch die Regulierer in Österreich und der Schweiz, und haben dort ebenfalls drastische IC-Senkungen durchgesetzt.

IC-Entgelte stehen auch auf der Ausgabenseite!

Wichtig für das Gesamtbild ist insbesondere, dass die IC-Entgelte bei den Telekommunikationsanbietern nicht nur auf der Einnahmenseite stehen, sondern auch auf der Ausgabenseite. Die IC-Entgelte werden ja nicht von Endkunden bezahlt, sondern von Telekommunikationsfirmen untereinander. Folglich wird dem Gesamtmarkt durch die IC-Senkung nur wenig Geld entzogen. Jedoch werden die vorhandenen Einnahmen anders - nämlich gerechter - verteilt:

  • Beispiel Mobilfunk-Prepaid-Discounter: Addiert man zum bisherigen Terminierungs-Entgelt von 7,14 Cent pro Minute noch die Mehrwertsteuer, erhält man einen Betrag von 8,50 Cent pro Minute. Angesichts üblicher Minutenpreise von 8 bis 9 Cent pro Minute für Fremdnetztelefonate bei Prepaid-Discountern hatten wir damit die aberwitzige Situation, dass Netzbetreiber und Prepaid-Anbieter des Kunden, der den Anruf aufbaut, fast nichts mehr verdienen bzw. sogar draufzahlen, während das ganze Geld zum Netzbetreiber des angerufenen Kunden geht!

    Die IC-Senkung wird bei wahrscheinlich weitgehend unverändertem Minutenpreis der Prepaid-Discounter nun dazu führen, dass die Erlöse eines Fremdnetztelefonats etwa hälftig zwischen abgehender Seite und ankommender Seite geteilt werden. Angesichts dessen, dass auch der technische Aufwand auf beiden Seiten etwa gleich groß ist, eine faire Lösung.

    Im nicht regulierten, sondern frei verhandelten Innenverhältnis zwischen einem Netzbetreiber und einem Discounter in seinem Netz wird es hingegen sehr wahrscheinlich Verschiebungen geben. Da die Netzbetreiber künftig mit den IC-Entgelten der ankommenden Gespräche nur noch die Hälfte verdienen, werden sie zum Ausgleich voraussichtlich im selben Umfang die Minutenentgelte erhöhen, die sie den Discountern bei abgehenden Fremdnetztelefonaten für die Mitnutzung des eigenen Netzes in Rechnung stellen. Diese Erhöhung macht den Discountern die Weitergabe der gesenkten IC-Entgelte an ihre Kunden wirtschaftlich unmöglich.

    In Summe bleiben damit die Gewinne der Discounter und Netzbetreiber für Telefonate zwischen den Mobilfunknetzen gleich. Bei ausgewogenem Anrufverhalten (gleich viele Anrufe von Discounter A in Netz X zu Discounter B in Netz Y und umgekehrt) bleiben sogar die Gewinne jedes beteiligten Netzbetreibers bzw. Discounters in etwa gleich. Es sinken lediglich die gegenseitigen Transferzahlungen. Ist das Anrufverhalten nicht ausgewogen, gewinnt die Seite, von der aus mehr Gespräche abgehend geführt werden.

  • Die reduzierten Interconnect-Entgelte verbessern allerdings die Kalkulationsrundlage für alternative Preismodelle, die einen extrem günstigen Minutenpreis mit einer weiteren Preiskomponente kombinieren, etwa einem monatlichen Grundpreis oder einem Verbindungsaufbauentgelt pro Anruf. Paradebeispiel hierfür ist der zeitweilig von Debitel angebotene Crash 5 mit einem Minutenpreis von nur 5 Cent, aber einer zusätzlichen monatlichen Grundgebühr von 2,50 Euro. Eine Neuauflage des Crash 5, diesmal auch ohne die die Kundenzahl limitierende Auktionsplattform, erscheint also wahrscheinlich. Freilich sparen damit nur die Kunden, die wirklich ausreichend viel telefonieren.

  • Beispiel Festnetz-Anbieter: Historisch bedingt verwenden die Festnetze ein vollkommen anderes Kostenmodell als die Mobilfunknetze. Im Festnetz decken die Grundgebühren den größten Teil der Kosten für die Bereitstellung des Anschlusses und dem (anteiligen) Telefonnetz dahinter ab. Entsprechend niedrig sind die Minutenpreise und erst recht die Terminierungs-Entgelte, die nur noch den zusätzlichen Aufwand für das jeweilige Telefonat betrachten (so genannte Grenzkosten). Im Mobilfunk dient die Grundgebühr, so weit überhaupt eine erhoben wird, traditionell der Rückzahlung der Handy-Subvention und/oder dem Bezug von Inklusivleistungen wie Sprach- oder Datenflatrates. Entsprechend hoch ist der Minutenpreis, da er eine Umlage der Bereitstellungskosten für das Netz enthält.

    Beide Modelle für die Umlage der Fixkosten - anschlussbasiert beim Festnetz, nutzungsbasiert beim Mobilfunk - sind für sich genommen nicht zu beanstanden. Man findet beide auch in zahlreichen anderen Wirtschaftsbereichen vor. So werden die Brötchen beim Bäcker in der Regel nutzungsbasiert abgerechnet: Der Basispreis wird mit der Zahl der gekauften Brötchen multipliziert. Die all-inclusive-Pauschalreise entspricht hingegen dem anschlussbasierten Modell: Man zahlt für das Dabeisein, egal, ob man sich früh, mittags und abends an den Buffets vollschlägt und zwischendurch an der Bar volllaufen lässt, oder ob man ob des schlechten Touristenhotel-Essens auf die umgebende Gastronomie ausweicht.

    Auch, wenn jedes Abrechnungsmodell für sich genommen sinnvoll ist: Bei der Kombination der beiden knirscht es an den Schnittstellen zwangsläufig gewaltig. Konkret gab es in der Vergangenheit hohen Mobilfunk-IC (in der Größenordnung 10 Cent pro Minute) und niedrigen Festnetz-IC (in der Größenordnung 1 Cent pro Minute). Damit subventionierten die Festnetze die Mobilnetze. Denn egal, wierum ein Gespräch ging, Festnetz zu Handy oder Handy zu Festnetz, der größte Teil der Entgelte blieb beim Mobilnetz hängen. Das ändert sich jetzt etwas.

  • Beispiel Call by Call: Call-by-Call-Anbieter arbeiten traditionell margeneng. Erste Preissenkungen für Call-by-Call-Telefonate zum Handy gab es bereits Stunden nach Bekanntgabe der neuen Interconnect-Entgelte. Binnen weniger Tage, maximal Wochen, werden viele Anbieter folgen und die Call-by-Call-Nutzer überwiegend auf Nummern von preisgünstigen Anbietern in die Handy-Netze setzen. Dadurch sparen die Endkunden bares Geld für Anrufe zum Handy. Dieses Geld - ein vergleichsweise kleiner Betrag im Verhältnis zum Gesamtumsatz - wird damit der Tk-Branche insgesamt entzogen.

    Gleichzeitig werden die gesenkten Kosten aber dazu führen, dass wieder mehr Telefonate vom Festnetz zum Handy geführt werden. Somit werden steigende Minutenzahlen für die Netzbetreiber einen Teil der IC-Ausfälle kompensieren. Zugleich sinkt der soziale Druck auf Endkunden, einen Festnetzanschluss zu behalten, um günstig erreichbar zu sein. Dadurch wird sich die im Sprachbereich praktisch weltweit zu beobachtende zunehmende Ersetzung des Festnetzes durch die Mobilfunknetze auch hierzulande wieder etwas beschleunigen. Davon profitieren wiederum die Netzbetreiber.

Die Quintessenz ist: Kurzfristig profitieren von der IC-Senkung vor allem die Festnetze, weil die Subvention der Mobilnetze durch die Festnetze reduziert wird. Gleichzeitig nimmt die Tarifvielfalt im Mobilfunkmarkt weiter zu. Langfristig gesehen profitieren hingegen die Mobilfunknetze, denn ihre Marktsituation wird durch die günstigere Erreichbarkeit ihrere Kunden entscheidend verbessert. Die Kunden wiederum profitieren, weil immer weniger unnötigerweise zwei Anschlüsse parallel betreiben.

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