Mobile World Congress

MWC: Interessenskonflikte zwischen Herstellern und Providern

Nicht nur ausbleibende SMS-Umsätze bergen Konfliktpotential
Von mit Material von dpa
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Der Mobile World Congress offenbart Interessenskonflikte zwischen Herstellern und ProvidernDer Mobile World Congress offenbart Interessenskonflikte zwischen Herstellern und Providern Die Zeiten, als ein Handy vor allem für Telefongespräche und SMS da war, sind vorbei. Heute übernehmen Smartphones die Macht, selbst das Wort Handy scheint veraltet. Die Mobilfunk-Branche ist heute ein Multi-Milliarden-Geschäft, um das sich immer mehr die gesamte Computer- und Internet-Welt dreht. Doch wenn sich kommende Woche Top-Manager der Industrie zum Mobile World Congress (MWC) in Barcelona versammeln, feiert die Branche keineswegs nur ein Fest der Sieger: Die neuen Machtverhältnisse führen auch zu Konflikten, die in aller Härte vor Gericht und von Lobbyisten im politischen Vorfeld ausgetragen werden.

Die kaum noch überschaubare Patentauseinandersetzung zwischen Herstellern wie Apple, Samsung oder Motorola gehört inzwischen zum Tagesgeschäft - kaum eine Woche vergeht ohne neue Klagen, Urteile, Vorwürfe. Das sind aber nur die offensichtlichen Feindseligkeiten über viel tiefer gehenden Konfliktlinien. Die tiefste davon trennt zwei große Gruppen, die ohne einander nicht können, sich aber immer mehr ins Gehege kommen: Die Netzbetreiber auf der einen und die Geräte-Hersteller und Diensteanbieter auf der anderen Seite.

Im Smartphone-Zeitalter haben Provider weniger Kontrolle über das Handy

Die Interessensgegensätze sind in Barcelona schon seit Jahren ein heißes Eisen. Die populären Smartphones sind ohne schnelle Datennetze nur ein nutzloses Stück High-Tech. Und Netzbetreiber wie Vodafone und Deutsche Telekom brauchen attraktive Geräte, um ihre mobilen Internet-Dienste an die Kunden zu bringen. Mit dem Vormarsch der Computer-Telefone mussten die Provider jedoch massiv Kontrolle abgeben.

Nicht mehr die Netzbetreiber entscheiden, welche Programme auf ein Mobiltelefon kommen, sondern der Kunde, der sie sich selbst aus den App Stores herunterlädt. Apple oder Google verdienen am Umsatz der App-Store mit. Die einst mächtigen Telekom-Konzerne dürfen dagegen nur noch den Datenverkehr in ihren für viele Milliarden ausgebauten Netzen umschlagen. Jahr für Jahr wiederholen ihre Top-Manager in Barcelona gebetsmühlenartig, dass sie sich nicht auf die Rolle einer "dummen Pipeline" reduzieren lassen werden. Jahr für Jahr heißt es aus der Internet-Ecke hinter vorgehaltener Hand, dass es längst geschehen ist. Die Datenfunk-Gebühren seien doch immer noch üppig genug, es gebe kein Grund zu klagen, wetterte ein Online-Manager vergangenes Mal.

Langsamer Tod: 10,5 Milliarden Euro weniger SMS-Einnahmen

Der Machtverlust der Telekom-Riesen schlägt aber auch schmerzhaft auf die Zahlen durch. Und es geht um schwindelerregende Summen. So rechnete der britische Marktforscher Ovum jüngst vor, dass den Netzbetreibern allein 2011 knapp 14 Milliarden Dollar (10,5 Milliarden Euro) an SMS-Einnahmen entgangen seien - weil die Kunden statt der teuren Kurzmitteilungen verstärkt auf Kommunikation über kostenlose Onlinedienste umschwenken, egal ob Facebook, Twitter oder die vielen Messaging-Apps wie WhatsApp. Apple setzt jetzt noch eins drauf und weitet seine iMessage-Plattform demnächst auch auf die Macs aus. Die Botschaft ist klar: Die SMS wird als eine der beliebtesten Geldquellen der Telekom-Branche versiegen.

Die Veränderung ist nicht mehr aufzuhalten. Apple spielte mit dem iPhone den Vorreiter, das 2007 als erster die festgewachsenen Strukturen der Mobilfunk-Branche aufbrach. Das Google-Betriebssystem Android machte zuletzt den Umschwung komplett. Den Marktforschern von Gartner zufolge war im vergangenen Jahr bereits rund jedes dritte verkaufte Mobiltelefon ein Smartphone. Bis zum Jahr 2015 rechnen sie damit, dass der Anteil weltweit auf mindestens 50 Prozent steigt - und in entwickelten Märkten wie den USA oder Westeuropa so gut wie keine einfachen Handys mehr abgesetzt werden. Der Wandel werde weiter beschleunigt durch die Welle günstiger Smartphones, die in diesem Jahr auf den Markt treffen werden, sagt Gartner-Analystin Roberta Cozza.

Billige Android-Smartphones werden Einfach-Handys ablösen

Diese Entwicklung werde den Wettbewerb in nächster Zeit prägen, prophezeit Cozza. Vor allem die billigen Android-Smartphones dürften ins heutige Geschäft mit einfachen Handys hereinbrechen. Noch-Marktführer Nokia sei mehr denn je auf den Erfolg seiner neuen Lumia-Smartphones mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Phone angewiesen. Auch der Blackberry-Anbieter RIM stehe unter Druck: "Für RIM ist es das entscheidende Jahr."

Zuletzt wurde der Smartphone-Markt von zwei Plattformen beherrscht. Googles Android mit Samsung als führendem Anbieter besetzte gut die Hälfte des Marktes. Und Apple kam durch sein aktuelles iPhone 4S auf fast ein Viertel der Verkaufszahlen - und einen Großteil der Branchengewinne. Der Konzern mit dem Apfel im Logo bleibt dem Mobile World Congress auch in diesem Jahr fern - dürfte aber auf dem Messegelände "Fira Barcelona" wieder für viel Gesprächsstoff sorgen.

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