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Kurztest Jolicloud Robby PreFinal

Von Falko Benthin
AAA

jolicloud_2 Jolicloud, ein Netbook-Linux mit Schwerpunkt auf Cloud-Computing, steht kurz vor der Fertigstellung. Mobicroco hat bereits jetzt geschaut, was Anwender erwarten dürfen. War der Download bis vor wenigen Monaten nur mit vorheriger Einladung möglich, kann sich inzwischen jeder das wolkenorientierte System als ISO-Abbild oder Windows-Installer ziehen. Da ich Windows blöd finde, habe ich die ISO-Variante gewählt. Wer sich gegen die simple Windows-Installation entscheidet, steigt auch gleich zum "Experten" auf, was toll für das Ego ist.

Problemlose Installation

Da die selbsternannten Experten von heute nicht mehr das sind, was Einige mit dem Begriff verbinden, haben die Jolicloud-Entwickler auch den "Jolicloud USB Creator" bereitgestellt, mit dessen Hilfe sich das ISO auf einen USB-Stick schaufeln lässt. Wer es kompliziert mag, nutzt den Creator, wer mit der Kommandozeile per du ist, kommt mit einem dd if=Jolicloud-PreFinal.iso of=/dev/target bs=1024 schneller ans Ziel. Sobald das Image übertragen ist, kann das Live-System vom USB-Stick gestartet werden.

Jolicloud basiert auf Ubuntu Jaunty, die PreFinal setzt auf einen Kernel 2.6.32.9. Jolicloud Robby ist zwar als Live-System gestrickt, aber auch von schnellen SD-Karten und USB-Sticks läuft es nur recht behäbig. Spaß macht es erst auf Festplatte oder SSD, die Installation ist mit Ubiquity wie ein Osterspaziergang. Zu den unterstützten Dateisystemen zählen neben FAT16 und FAT32 auch jfs, xfs, reiser und ext[234]. Darf man der Werbung während der Installation Glauben schenken, werden die meist benutzten Treiber schon installiert, so dass anschließend alles läuft. Ich habe hier noch einen 3G-Stick "Icon 210", der bei anderen Distris diverse Anpassungen braucht und werde mich überraschen lassen.

Neben bunten Oberflächen werden auch alte Bekannte mitgeliefert, mit denen man oftmals schneller ans Ziel kommt Die Installation ist inkl. manueller Partitionierung nach ca. 17 Minuten abgeschlossen, der anschließende Bootvorgang braucht von grub bis zum Desktop ca. 30 Sekunden. Eine Netzwerkverbindung lässt sich dank des Network-Managers schnell einrichten, gespannt wie ein Flitzebogen stöpsle ich meinen 3G-Stick an und stelle zu meiner Überraschung fest, dass er ohne weiteres Zutun als GSM-Modem erkannt wird, was Jolicloud einen Pluspunkt einbringt. Der Gnome-Oberfläche steht das bei mir ungeliebte UNR zur Seite, ein ästhetischer Makel, dem leicht abgeholfen werden kann. Bevor ich beginne, auf der Cloud-Wolke zu schweben, lasse ich noch flugs ein Upgrade durchlaufen. Ubuntu 9.04 Jaunty Jackalope ist nicht das aktuellste, erwartungsgemäß werden auch nur wenige Pakete erneuert.

In der Wolke schweben

Um sich einen Platz auf der Wolke zu sichern, ist eine Registrierung nötig Bei Jolicloud ist der Name Programm. Mit der Installation haben nur wenige Programme, unter anderem der Multimessengerclient Pidgin, die Fotoverwaltung F-Spot und die Browser Chromium und Firefox ihren Weg auf die Platte gefunden. Alles andere kann in der "Cloud" laufen, die mittels Klick auf markante Wolke gestartet wird und jede der Webanwendungen in Mozillas Prism ausführt. Eigentlich dachte ich, mir schon vor Monaten im Rahmen eines früheren Tests einen Account zugelegt zu haben, scheine mich aber geirrt zu haben. Also gilt es, sich ein neues Plätzchen auf der Wolke zu sichern. Die himmlischen Server lassen sich mit der Bestätigungsmail reichlich Zeit. Einige Minuten Rumsitzen und einen Espresso später, der oben vergebene Pluspunkt ist schon neutralisiert, kommt der "Confirmation Code" doch noch, und der ganze Community-Rotz ala Profil anlegen, Bildchen hochladen etc. kann durchgeklickt werden. Auch das Netbook möchte benannt werden. Ich nehme an, dieser Schritt erfolgt, damit später verschiedene Rechner die Daten untereinander besser synchronisieren können ^^.

Wer weiß, was gewünscht ist, kommt ohne App Directory schneller ans Ziel Wer erfolgreich durch die vorangegangenen Dialoge kam, findet sich nun im Dashboard wieder, das Anwender über Benachrichtigungen und Updates informiert. Daneben finden sich Reiter für das "App Directory" und Einstellungen, letztere dienen vorrangig dazu, das Profil zu bearbeiten. Hinter dem App Directory verbirgt sich eine Art App-Store, mittels welchem sich netzaffine Anwendungen auf dem Rechner installieren lassen. Aktuell werden hier 537 Anwendungen angeboten, die sich mittels der Oberfläche installieren und entfernen lassen. Alles ist nur ein Aufsatz für den die Debian-Paketverwaltung, wer weiß, welche Anwendungen gewünscht sind, sollte in der Regel den entsprechenden Werkzeugen (apt, synaptic) schneller sein.

Fazit: Nur bedingt sinnvoll

Jolicloud auf dem Desktop verursacht Augenkrebs Es fällt mir schwer einzuschätzen, ob Jolicloud ein sinnvolles System ist. Wer in ländlichen Gegenden beheimatet ist oder viel durch die Welt dümpelt und nicht überall auf eine schnelle Online-Verbindung zurückgreifen kann, profitiert wenig von der Cloud. Meiner Einschätzung nach werden auch nur wenige Anwender mit mehreren Netbooks parallel hantieren und auf einem Desktop-System im Arbeitszimmer ist die von Jolicloud offerierte UNR-Oberfläche einfach nur grottig. Dazu kommt, dass weiterhin für jede Webanwendung eigene Accounts benötigt werden, was das digitale Leben nicht gerade vereinfacht. Eine zentrale Speichermöglichkeit, die wie ein lokales Laufwerk verwendet werden kann, etwas wie Ubuntu sie mit Ubuntu One anbietet, scheinen die Jolicloud-Entwickler für den gemeinen Anwender nicht vorgesehen zu haben.

Nicht alles aus der Wolke kann überall genutzt werden Der einzigen Mehrwerte, die ich bisher feststellen konnte, sind die sehr gute Hardware-Unterstützung, einfache Installation und der schnelle Zugriff auf eine Vielzahl von Social Networks oder Webanwendungen, etwa Google Docs, Picasa oder die Büroanwendungen von Zoho. Dabei ist allerdings nichts, was halbwegs versierte Anwender nicht auch unter jedem anderen System mit wenigen Handgriffen einrichten könnten. Manche Anwendungen, z. B. der BBC iPlayer, mit welchem Rundfunkgebührenzahler Großbritanniens im Nachhinein auf die BBC-Ausstrahlungen der vergangenen Woche zugreifen können, sind hierzulande nicht zu gebrauchen. Die UNR-Oberfläche ist naja, die vorinstallierte Software so lala. Die in den Ubuntu-Repositories enthaltenen Applikationen sind nicht auf dem aktuellesten Stand, OpenOffice etwa ist in Version 3.0.1 dabei, obwohl bereits die 3.2.0 erhältlich ist. Echte Netcitizens, die viel in sozialen Netzwerken rummachen, könnten vielleicht an Jolicloud Freude finden, für den Otto-Normalverbraucher, der etwas surft und ab und zu mal einen Text schreibt oder eine Tabelle bearbeitet, kann es dagegen zum Cloud-Overkill kommen.