
Gedrängel im Internet:
Mit IPv6 soll alles besser werden.
"Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" sagte einst der
Pulitzer-Preisträger Carl Sandburg. "Stell Dir vor, das Internet
der Zukunft wird eingeschaltet und keiner merkt es" könnte es in
Abwandlung des Spruchs am morgigen Mittwoch heißen. Zum Glück
geht es dabei nicht direkt um Krieg, sondern "nur" um ein Upgrade der
zentralen Datenstruktur des mit Abstand wichtigsten und größten
Datennetzes der Welt. Eines Netzes, das angesichts der Unmassen
an Informationen, die es bewegt, auch immer öfters über Krieg und
Frieden entscheidet. Eines Netzes, an dessen grundlegenden
Datenstrukturen (wie TCP- und IP-Header) in den letzten Jahrzehnten
aber kein wesentliches Update mehr gewagt wurde.
Mangels Update steuert das gewohnte Internet aber auf ein riesiges
Problem zu:
Es gehen die Adressen aus.
Die Party ist so gut wie voll. Neue Gäste
(also Server, Nutzer, Dienste) können dann künftig nur noch reinkommen,
wenn andere Gäste rausgehen oder sich
zwei oder mehr Gäste jeweils einen Platz teilen. Ersteres
führt zu langen Wartezeiten. Und die Platzteilung ist nicht nur
unbequem, sie beeinträchtigt auch die freie Kommunikation
aller Party-Teilnehmer untereinander.
Leider ist der Wechsel vom aktuellen Internet oder IPv4 auf
das neue Internet oder IPv6 kein gewöhnliches Upgrade, wie es sonst
von PC-Nutzern regelmäßig für das Betriebssystem oder für einzelne
Software-Pakete eingespielt wird. Einige Prinzipien ändern sich
grundsätzlich und verlangen in privaten wie gewerblichen Netzen
neue Einstellungen durch den Systemverwalter.
Mehr oder weniger anonym?
Eine der wesentlichsten Neuerungen ist, dass ein
Internet-Endgerät (PC, Laptop, Smartphone, Server etc.) in
Zukunft nicht nur eine, sondern quasi gleich zwei Adressen
erhält: Eine, die vom Provider festgelegt wird, und eine, die
sich der Nutzer selber wählt. Die damalige Idee dahinter: Endgeräte
bleiben so identifizierbar, auch dann,
wenn sie den Provider wechseln. Während diese Möglichkeit zu Zeiten
der Standardisierung von IPv6 als Feature angesehen wurde, gilt sie
heute aus Datenschutzgründen zunehmend als Bug.
Damit IPv6 im Datenschutz nicht hinter IPv4 zurückfällt, müssen
zwei Maßnahmen kombiniert werden: Die Provider müssen auch im IPv6
wie bisher die IP-Adressen bei jeder Neueinwahl eines Nutzers neu
vergeben. Und die Endanwender müssen zusätzlich die "Privacy Extensions"
von IPv6 aktivieren, damit die private Hälte der Adresse mit einem
zufällig ausgewürfelten Wert befüllt wird, um eine langfristige
Zuordnung aufgrund dieses Teils der Adresse zu verhindern.

Neue Adressen für das Internet:
IPv6 soll IPv4 ablösen.
Wenn aber alle Nutzer die "Privacy Extensions" aktivieren, dann
könnte man sich die Aufteilung in einen privaten und einen
öffentlichen Adressteil auch gleich sparen. Zumal auch bei
abgeschalteten "Privacy Extensions" der private Teil der Adresse
mitnichten genutzt werden sollte, um beispielsweise den Zugang
zu Diensten zu legitimieren: Dazu kann der private Teil der Adresse
zu leicht gefälscht werden. Man kann dort leicht jeden beliebigen
Wert eintragen, auch den eines Rechners, als der man sich ausgeben
möchte.
Dieser Geburtsfehler, die IPv6-Adresse in einen öffentlichen und
einen privaten Teil zu trennen, wobei der private Teil allenfalls
dazu geeignet ist, den Nutzern hinterherzutracken, wird IPv6 noch
lange nachhängen. Er beschädigt noch vor dem Start das Vertrauen
der Nutzer.
Zwar lässt sich der Fehler durch konsequente Aktivierung der
Privacy Extensions abmildern. Dennoch besser, man hätte ihn nicht
begangen.
Doppelt erreichbar!?
Weil nicht alle Systeme auf einen Schlag umgestellt werden können,
wird es eine Übergangsphase geben, in der insbesondere Server-Betreiber
ihre Inhalte schon unter IPv6 aber parallel zusätzlich auch unter
IPv4 anbieten. Das ist ein Problem, wenn Nutzerrechner in so
genannten IPv6-Inseln stehen: Computer, die untereinander bereits
IPv6 sprechen, aber an die Außenwelt nur über IPv4 angebunden sind.
Endnutzer-PCs in dieser Insel würden erkennen, dass der Server über
IPv6 erreichbar ist und versuchen, über IPv6 eine Verbindung dorthin
aufzubauen, was aber aufgrund der Insellage in der IPv6-Welt scheitert.
Über IPv4 wäre es hingegen kein Problem, den Server zu erreichen.
Die drastische Konsequenz: Server-Betreiber scheuen IPv6 fast so,
wie der Teufel das Weihwasser, und machen unter der bekannten
URL ihres Angebots lediglich die IPv4-Adresse dessen bekannt.
Selbst dann, wenn sie bereits über eine IPv6-Anbindung verfügen!
Denn man hat Angst, dass die Nutzer in IPv6-Inseln zumindest zum
Teil nicht der Insel, sondern dem Server die Schuld an ihren
Verbindungsproblemen geben, und zum Beispiel zu Konkurrenz-Angeboten
ausweichen.
So war die Idee des IPv6-Tages geboren: Wenn an einem Tag plötzlich
Google, Yahoo, bing, Facebook, Youtube und auch nationale Portale
wie T-Online nicht mehr erreichbar sind, dann fragt der Kunde vielleicht
doch bei seinem Provider oder seinem Sysadmin nach, statt einen Fehler
bei zahlreichen Servern gleichzeitig zu vermuten. Von daher ist der
konzertierte Test bei über 300 verschiedenen Inhalteanbietern zu
begrüßen!
Sollte der Test
positiv verlaufen, es also nur zu einer überschaubaren Zahl von
Fehlern kommen, die dann zudem schnell behoben werden, ist damit
zu rechnen, dass die gennanten Sites zügig zu einem dual-stack-Betrieb
wechseln: Sie sind dann dauerhaft unter IPv4 und IPv6 erreichbar.
Ein solcher zuverlässiger Parallelbetrieb ist die wichtigste
Voraussetzung für das Gelingen der zitierten großen Internetumstellung.
heise.de hat einen eigenen "IPv6-Tag" bereits letztes Jahr mit
Erfolg in Deutschland durchgeführt, und in der Folge auf den
dual-stack-Betrieb umgeschaltet. Auch in Norwegen sind zwei
der top-5-Websites bereits seit letzten Herbst im Parallelbetrieb.
Diese positiven nationalen Beispiele lassen hoffen, dass es auch
auf internationaler Basis klappen wird.
teltarif.de würde übrigens gerne mit einem Parallelbetrieb
auf IPv4 und IPv6 folgen, scheitert derzeit aber noch am
Provider, der IPv6 noch nicht durchleitet. Eine Tunnellösung ist
aber bereits in Arbeit.
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