Fraunhofer IIS

EVS: Wann kommt die Sprach­ver­besserung in die Handy-Netze?

Mit dem Enhanced Voice Service liegt eine Technik vor, die glasklare Sprachqualität in Mobilfunknetzen ermöglicht. Doch kann sich die Technik überhaupt durchsetzen und wann handeln die deutschen Netzbetreiber? Wir haben auf dem MWC mit dem Fraunhofer-Institut gesprochen.
Vom Mobile World Congress in Barcelona berichtet
AAA
Teilen

Enhanced Voice Service mit zwei Smartphones auf dem MWCEnhanced Voice Service mit zwei Smartphones auf dem MWC beim Fraunhofer IIS Auf dem Mobile World Congress 2015 hatten wir den Weg zum Messestand des Fraunhofer IIS gefunden: Das deutsche Forschungsinstitut mit Sitz in Erlangen, das für die Entwicklung des MP3-Formats weltberühmt ist, zeigte im vergangenen Jahr den Enhanced Voice Service (EVS), eine Technik zur Sprachverbesserung in Mobilfunknetzen mit annähernd CD-Qualität. Seinerzeit hatten wir in einem Test ausführlich über den neuen Sprachcodec berichtet.

In diesem Jahr marschierten wir daher auf dem MWC bewusst wieder zum Fraunhofer IIS, um zu sehen, was sich mittlerweile beim Enhanced Voice Service getan hat. Wir wollten insbesondere wissen, ob mittlerweile erste Hersteller oder Netzbetreiber die Technik zur Sprachverbesserung implementieren.

Einführung von HD Voice dauerte auch mehrere Jahre

Als wir auf dem Messestand des Fraunhofer IIS ankamen, mussten wir unwillkürlich schmunzeln: Das Forschungsinstitut hatte seinen Messestand beinahe identisch wie im vergangenen Jahr aufgebaut. Etwas Neues zu EVS war äußerlich nicht zu entdecken. Das Institut hatte sogar wieder die beiden schallisolierten Telefonzellen aufgebaut, mit denen die Messebesucher ohne Störungen durch den Geräuschpegel der Messehalle ein Telefonat mit AMR und EVS führen konnten, um die Verbesserung selbst zu hören.

Etwas kleinlaut gab ein Mitarbeiter zu, dass es bei der eigentlichen Technik von EVS auch keine Neuerungen gebe, der Standard sei ja fertig entwickelt. Es dauere aber in der Regel mehrere Jahre, bis sich derartige Innovationen auf dem Markt durchsetzen. Bei AMR-WB, dem aktuellen Sprachcodec in UMTS-Netzen, habe dies schließlich auch mehrere Jahre gedauert. Die Mobilfunknetzbetreiber bezeichnen bei der Vermarktung AMR-WB in der Regel als HD Voice.

Netzbetreiber werden es wohl nur in neue Standards aufnehmen

Als nächstes fragten wir den Mitarbeiter, wie es um die Marktchancen von EVS bestellt sei. Im vergangenen Jahr hieß es, dass das Fraunhofer IIS mit großen Smartphone-Herstellern verhandelt. Bei einigen Herstellern sei man mittlerweile erfolgreich gewesen: Samsung habe EVS in das auf dem MWC vorgestellte Galaxy S7 implementiert (im teltarif.de-Hands-on). Auch andere Hersteller würden die Integration des EVS-Codec planen.

Denn bei einer neuen Technik wie EVS besteht immer das Henne-Ei-Problem: Niemand kann den Standard nutzen, wenn er nicht in Endgeräte implementiert ist. Andererseits fragen sich die Netzbetreiber: Warum sollen wir das im Netz implementieren, wenn es keine kompatiblen Geräte gibt?

Bezüglich den Verhandlungen - insbesondere mit den europäischen Netzbetreibern - war dem Mitarbeiter aber eine gewisse Ernüchterung abzuspüren. Es werde mit großer Wahrscheinlichkeit nicht passieren, dass ein europäischer Netzbetreiber EVS nachträglich in eines der bestehenden Mobilfunknetze implementiert. Außerhalb Europas gebe es aber einige enthusiastische Netzbetreiber, die EVS nachträglich in ihre jetzigen Netze einbauen wollen.

Welche Marktchancen hat EVS dann überhaupt?

Wir wollten wissen, welche Marktchancen die zweifellos sinnvolle Technik dann habe, insbesondere in Europa. Der Fraunhofer-Mitarbeiter erklärte, dass die europäischen Netzbetreiber interessiert seien, EVS in ganz neue und zukünftige Techniken zu implementieren, beispielsweise in VoLTE. EVS für VoLTE ist mittlerweile ein offizieller Standard der Standardisierungsorganisation 3GPP.

Eine große Chance sieht das Fraunhofer IIS aber auch bei der Implementierung von EVS in Over-the-Top-Dienste. Damit sind Telefonie- und Messaging-Apps gemeint, die Telefonate per VoIP über das Internet anbieten - wie beispielsweise Skype oder WhatsApp Call. Die Sprachqualität dieser Dienste ist manchmal - gelinde gesagt - unterirdisch. Skype & Co. würden also durchaus von der EVS-Einführung profitieren.

Auch die Vorführung von EVS über zwei Handys durch das Fraunhofer IIS auf dem MWC ließ sich nur auf diesem Weg lösen, also über eine spezielle App, die auf beiden Smartphones installiert ist. Denn kein spanischer Netzbetreiber hat bislang EVS implementiert. In der App konnten wir dann sogar in einem laufenden Telefonat in der Messehalle zwischen AMR-WB und EVS umschalten. Das Telefonat per EVS war selbst in der lauten Umgebung sehr gut zu verstehen, die Hintergrundgeräusche wurden praktisch vollständig ausgefiltert und die Sprachqualität war signifikant besser als bei HD Voice.

Enhanced Voice Service im Video

Teilen

Mehr zum Thema Sprachqualität