verändert

Editorial: Nun Nokia

Hauen und Stechen im Handymarkt
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Nokia N8Das Nokia-Smartphone N8: Solide Ausstattung und deutlich preiswerter als ein iPhone Schauen wir uns mal den PC-Markt an: 2000 waren Compaq, Dell, IBM und HP die führenden Hersteller. Der führende Hersteller hatte einen Marktanteil unter 15 Prozent. In den zehn Jahren seitdem sind Compaq und HP fusioniert, aber weiterhin auf Platz 1 mit etwas geringerem Marktanteil als 2000 in Summe. Dell liegt weiterhin auf Platz 2, auf Platz 3 hat sich Acer dazwischengeschoben. IBMs PC-Geschäft wurde von Lenovo übernommen und liegt nun auf Platz 4.

Vollkommen anders hingegen der Handy-Markt: Die Top 4 von vor zehn Jahren liest sich fast schon wie ein Nachruf: Nokia, Motorola, Siemens und Ericsson. Den dritten von damals, Siemens, hat es als ersten erwischt, da half auch nicht das Joint-Venture mit Benq.

Motorola strauchelt seit einigen Jahren, seitdem sie keinen würdigen Nachfolger für ihre Handy-Flunder RAZR bauen konnten. Aktuell berappelt sich Motorola mit Android-Geräten zwar ein wenig, bleibt aber in den roten Zahlen. Der Weltmarktanteil: Noch ein Zehntel dessen, was man zu den besten Zeiten mal hatte. Ähnliche Zahlen auch bei Sony-Ericsson, auch wenn der Absturz aufgrund der schlechteren Ausgangsposition nicht ganz so drastisch ausgefallen ist.

Nokia konnte hingegen die führende Position das ganze Jahrzehnt über halten, ja sogar zeitweilig weiter ausbauen. Doch in den letzten Monaten häufen sich auch hier die negativen Meldungen: Im Stammmarkt Europa ist Nokia nur noch auf Platz 2. Samsung ist mittlerweile vorbeigezogen. Bei den lukrativen Smartphones ist Nokias Marktanteil in Europa binnen Jahresfrist gar von über 40 auf unter 20 Prozent förmlich implodiert: Apple verkauft von einem einzigen Modell, dem iPhone, mehr Geräte, als Nokia von einem ganzen Modell-Portfolio! Und die Zeichen stehen auf Sturm, eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Modegerät Handy

Nun ist über Nokias Symbian-Betriebssystem oft genug geschrieben worden, dass es veraltet sei. Ebenso ist unklar, ob und wie es mit Symbian weitergeht, steht doch der angekündigte Wechsel auf Windows Phone 7 an. All das macht die Kunden unsicher.

Andererseits handelt es sich bei den Nokia-Handys und -Smartphones um solide Geräte, die den an sie gestellten Aufgaben durchaus gewachsen sind. Und sie kosten deutlich weniger als die Handys des neuen Marktführers: Wer sich mit dem Nokia N8 zufrieden gibt, spart 300 Euro im Vergleich zum iPhone 4. Dafür bringt das N8 sogar die umfangreichere Software-Ausstattung mit: Insbesondere die Navigationssoftware "Ovi Maps" ist bereits vorinstalliert; die Karten-Updates sind jederzeit kostenlos downloadbar. "Google Maps" auf dem iPhone ist hingegen (noch) nicht für die Nutzung im Auto geeignet.

Wem die mitgelieferte Software beim N8 nicht reicht: Symbian-Anwendungen gab es schon vor Erfindung des Wortes "App". Man muss sie aber manchmal etwas länger suchen, denn es gibt keinen so gut sortierten zentralen App-Store wie bei Apple. Dafür scheinen Symbian und Symbian-Anwendungen nicht so sehr der Datensammelwut zu unterliegen wie iPhone und Android-Handys.

Man kann also weiterhin Gutes finden an den Nokia-Handys. Doch warum dann der Marktanteils-Einbruch? Am Ende entscheidet offenbar weniger das Preis-/Leistungs-Verhältnis, als vor allem die Emotionen der Käufer: Das Handy ist ein sehr persönliches Gerät, viel persönlicher noch als der "Persönliche Computer" PC. Das macht den Markt anfällig für Modewellen: Wer möchte sich schon von seinen Freunden mit einem nicht mehr zeitgemäßen Handy am Ohr erwischen lassen? Kaum einer spürt das derzeit deutlicher als der Blackberry-Hersteller Research in Motion, der quasi nahtlos vom Lager der Aufsteiger ins Lager der Absteiger wechselte.

Auch wenn sich das heute kaum jemand vorstellen kann, muss die Frage erlaubt sein: Wann erwischt es Samsung und Apple? Und was kommt nach den beiden? Abermals zwei Newcomer im Handy-Markt, oder berappeln sich die "alten Hasen" doch noch zurück an die Weltspitze?

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