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Editorial: Bitte bezahlen Sie den Zahlungsdienstleister!

Schafft "Google Wallet", woran unzählige Systeme scheiterten?
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Google startet Testlauf seines NFC-basierten Bezahlsystems Google Wallet Die Idee, mit dem Handy kleine und größere Geldzahlungen abzuwickeln, ist fast so alt, wie das Handy selbst. Denn schließlich entwickeln sich diese immer mehr zum elektronischen Allzweckgerät: Musikabspieler, Schnappschuss-Kamera, Videospiel-Konsole oder Navigationssystem. Ach ja, telefonieren kann man damit auch noch.

Eine Kreditkarten- oder Geldkarten-Chip-Funktion zusätzlich in ein Handy einzubauen, ist technologisch kein Problem. Für den Verbraucher hätte das mehrere Vorteile: Überblick über die Umsätze der vorangegangenen Tage im Handy-Display und nicht erst auf der nächsten Kreditkarten-Rechnung, mehr Platz im Geldbeutel (insbesondere, wenn man mehrere Zahlungskarten in ein Handy programmieren kann) und - gute Implementation vorausgesetzt - auch höhere Sicherheit: So ist es schwerer, PINs per versteckter Kamera oder per Manipulation des Terminals auszuspähen, wenn der Nutzer die PIN in das eigene Gerät eingibt.

Ebenso einfach wie Zahlungskarten sollten sich Tickets auf dem Handy installieren lassen: Die Nahverkehrs-Monatskarte, die Theater-Eintrittskarte, die Videothek-Mitgliedskarte. Am Ende steht weniger Zettelwirtschaft und insbesondere bei den länger gültigen Tickets die Möglichkeit, im Falle des Verlusts des Handys auf elektronischem Weg Ersatz zu beschaffen (während gleichzeitig das mit dem Handy verlorene oder geklaute Ticket ungültig wird).

Angesichts der Vorteile verwundert, dass sich bis heute kein mobiles Bezahl- und Ticketingsystem durchsetzen konnte. Wahrscheinlichster Grund: Die widerstreitenden Interessen von Handy-Herstellern, Mobilfunk-Netzbetreibern, etablierten Zahlungs- und Ticketingdienstleistern, Banken und Händlern. Wenn die Bezahlung des morgendlichen Brötchenkaufs über die Mobilnetze so viel kostet wie eine SMS, macht der Bäcker um die Ecke nicht mit und nimmt weiter Bargeld. Wenn die Bezahlfunktion per NFC ohne Beteiligung der Netzbetreiber abgewickelt wird, dann boykottieren diese den Verkauf von NFC-Handys. Ebenso könnten die etablierten Kreditkarten-Anbieter ihre guten Kontakte zu zahllosen Händlern dazu nutzen, NFC-Systeme ohne ihre Beteiligung zu verhindern.

Weniger Provision, mehr Daten?

Am Ende haben auch die Verbraucher einige Interessen: Ein mobiles Bezahlsystem soll schnell, einfach und sicher zu bedienen sein, die Transaktionskosten sollen niedrig sein, damit die Händler nicht die Preise erhöhen, und die Transaktionsdaten sollen nicht in zahllosen Computersystemen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gespeichert werden. Letzteres Ziel dürfte für die Verbraucher mangels geeigneter Lobby inzwischen das am schwersten erreichbare sein.

Und dass der auch als "Datenkrake" bezeichnete Internet-Konzern Google einen groß angelegten Testlauf seines NFC-basierten Bezahlsystems Google Wallet startet, lässt diesbezüglich nicht gerade hoffen. Denn es ist durchaus wahrscheinlich, dass Google den Bezahldienst wie auch die Suchmaschine oder Webmail kostenlos bereitstellt, dafür an kontextbezogener Werbung verdient. Wer also häufiger Rosinenbrötchen kauft und mit dem Handy (einfach kurz ans Lesegerät halten) bezahlt, darf sich dann in Zukunft über Werbung auf dem Display freuen, wenn er an einem anderen Bäcker vorbeiläuft, der ebenfalls Rosinenbrötchen im Sortiment hat.

Freilich spricht vieles für einen Erfolg von Google Wallet: Mit dem führenden Smartphone-Betriebssystem Android hat es eine extrem starke Ausgangsposition. Der nötige NFC-Chip steckt zwar bisher nur in wenigen Geräten wie dem Nexus S, dürfte aber rasch in zahlreichen weiteren Smartphones eingebaut werden, sobald es nützliche NFC-Anwendungen wie den mobilen Bezahldienst gibt. Zudem scheint Google Kreditkartenherausgeber und Netzbetreiber mit im Boot zu haben. Derzeit sind es zwar nur Mastercard, die City Bank und Sprint. Entscheidend ist aber, dass sich unter Googles Regie die genannten Kontrahenten überhaupt geeinigt haben. Das macht es wahrscheinlich, dass weitere Banken, Kartenherausgeber und Netzbetreiber zu vergleichbaren Konditionen einsteigen und Google die Partnerliste schnell vergrößern kann.

Somit verbleibt Apple als einziger ernstzunehmender Konkurrent. Diesem werden ebenfalls NFC- und Bezahldienst-Ambitionen nachgesagt. Freilich werden die Händler Apple kurzerhand zwingen, ihr System so kompatibel zum Android-System zu gestalten, dass ein Terminal an der Kasse mit beiden Handy-Welten zurechtkommt. Den weiteren Betriebssystem-Herstellern bleibt aufgrund ihrer geringen Marktanteile dann sowieso nichts anderes mehr, als sich dem Google- oder dem Apple-Standard anzuschließen.

Auch der Internet-Bezahldienst Paypal, der prompt eine Klage gegen Google wegen der Ausspionierung von Geschäftsgeheimnissen eingereicht hat (u.a. wurden zwei Mitarbeiter aus dem Bereich Bezahldienste abgeworben), wird Google damit kaum stoppen, sondern allenfalls eine kräftige Schadensersatzzahlung rausholen können. Wobei Paypal ja bisher weder durch Datensparsamkeit, noch durch geringe Provisionen, noch durch feinfühliges Missbrauchsmanagement besonders positiv aufgefallen ist. Vielmehr hat Paypal sich durchgesetzt, weil es der Standard-Bezahldienst bei eBay-Auktionen ist, und durch die Marktmacht von eBay andere Abwicklungssysteme (zum Beispiel "Afterbuy") an den Rand gedrängt wurden.

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