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Editorial: Google Street View und die deutsche Seele

Google hat Deutschland mit Street View zum Teil "überfahren"
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Google Street View Kommentar OberstaufenGut für den Tourismus: Street View in Oberstaufen - aber zu viele persönliche Details erkennbar! "Don't be evil." - "Sei nicht böse." Dieser Leitspruch gilt für Google und jeden der etwa 20 000 weltweiten Google-Mitarbeiter gleichermaßen. Gerade beim Start von Google Street View in Deutschland in dieser Woche folgt Google dieser Maxime nicht immer - so zumindest die Wahrnehmung nicht weniger Deutscher, die sich über Medien, Blogs oder durch das bloße Austragen aus dem Kartendienst über die mangelhafte Berücksichtigung ihrer privaten Interessen beschweren.

Google Street View im Visier der Kulturen

Google selbst detailliert den Leitspruch "Don't be evil" weiter, etwa in den zehn Punkten zur Google-Unternehmensphilosophie. Dort heißt es etwa: "Der Nutzer steht an erster Stelle, alles Weitere ergibt sich von selbst." oder "Es ist das Beste, eine Sache richtig gut zu machen."

Aller persönlicher Emotionen der Nutzer zum Trotz oder gerade deshalb muss sich Google bei der zwei Jahre währenden Vorbereitungsphase zu Google Street View Kritik gefallen lassen. Dass der Deutsche beim Thema Datenschutz gemeinhin "speziell reagiert" und dies viel emotionaler diskutiert als zum Beispiel Menschen in England, USA oder in Asien, ist nicht neu und gerade deshalb funktioniert Kommunikation und PR nach amerikanischem Muster hierzulande nur schlecht bis gar nicht. Die Kommunikationsbotschaft komplett kontrollieren zu wollen, auf Presseveranstaltungen vor allem eine schön durchgestylte Show abzuliefern und bei kritischen Nachfragen mehr und mehr auszuweichen, schafft weiteres Unbehagen auch bei bislang neutral eingestellten Personen. Zudem ist dies in Zeiten von Social Media, Facebook, Twitter, Blogs und Co. nicht mehr zeitgemäß.

Der Nutzer und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt, somit müssen auch die Ängste und Vorbehalte von Kritikern beachtet werden. Dies beträfe zum einen die offene Kommunikation zu den Google-Street-View-Autos, also vor allem auch von selbst zu veröffentlichen, welche Daten, Fotos, Videos und welche sonstigen Details sie aufzeichnen. Hier im Nachhinein zugegeben zu müssen, dass die Autos weltweit mehr aufgezeichnet haben als nur Fotos, sondern eben auch Informationen zu WLAN-Netzen, geht gar nicht. Zum anderen kommt das Unbehagen zu Google Street View bei vielen Deutschen sicherlich auch aus der Unwissenheit, was dieser Dienst wirklich ist, welche Möglichkeiten Street View dem Nutzer bietet und welche Details dort sichtbar werden und welche aber eben auch nicht. Hier wäre es sicherlich gut gewesen, wenn Google den Beta-Test mit Oberstaufen früher veröffentlicht hätte, möglichst sogar vor der flächendeckenden Befahrung von Deutschland mit den Google-Street-View-Autos, und Zweiflern bzw. skeptischen Menschen die Möglichkeit gegeben hätte, den Dienst live in einem deutschen Ort kennenzulernen.

Handwerkliche Fehler erschweren Durchbruch von Street View

Google Street View AutoDas Google Street View Auto Die zahlreichen Pannen, sowohl beim Beta-Test in Oberstaufen als auch nach dem Start am vergangenen Donnerstag, erschweren zudem die Akzeptanz von Google Street View in Deutschland. Auch wenn diese nicht einmal ein Promille der gesamten Daten betreffen, stürzen sich Medien, Experten und Skeptiker nun einmal darauf. Unverpixelte Häuser, die eigentlich verfremdet hätten sein sollen, deutlich erkennbare Gesichter vor dem Bordell, lesbare Kennzeichen von Autos sind nur einige Beispiele einer zu langen Liste.

Klar: Die Datenmenge, auch bei "nur" zwanzig Großstädten ist enorm. Auf der anderen Seite ist der Start (mit)entscheidend für die Akzeptanz von Street View in Deutschland, so dass diese emotional peinlichen Fehler doppelt weh tun können: Folgen nun in den kommenden Monaten weitere Fluten von Austragungswünschen, so ist Google Street View in Deutschland nur die Hälfte wert von dem, was dieser Dienst positiv leisten kann.

Allen Nutzern kann ich derzeit nur empfehlen, höchst selbst einen fairen Blick in das aktuelle Angebot von Google Street View zu werfen und dann zu entscheiden. Häufig kann es sinnvoll sein, zu warten, bis Google die Bilder der eigenen Adresse veröffentlicht hat und dann in Ruhe zu entscheiden, ob man die eigene Adresse unkenntlich machen lassen will oder nicht. Weil: Einen Weg zurück gibt es (derzeit noch) nicht!

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