Editorial: Google Street View und die deutsche Seele
21.11.2010 17:42
Google hat Deutschland mit Street View zum Teil "überfahren"
Von
 Gut für den Tourismus: Street View in Oberstaufen - aber zu viele persönliche Details erkennbar!
"Don't be evil." - "Sei nicht böse." Dieser
Leitspruch
gilt für Google und jeden
der etwa 20 000 weltweiten Google-Mitarbeiter gleichermaßen.
Gerade beim Start von Google Street View
in Deutschland in dieser Woche folgt Google dieser Maxime nicht immer - so zumindest die
Wahrnehmung nicht weniger Deutscher, die sich über Medien, Blogs oder durch das
bloße Austragen aus dem Kartendienst über die mangelhafte Berücksichtigung
ihrer privaten Interessen beschweren.
Google Street View im Visier der Kulturen
Google selbst detailliert den Leitspruch "Don't be evil"
weiter, etwa in den
zehn Punkten zur Google-Unternehmensphilosophie. Dort
heißt es etwa: "Der Nutzer steht an erster Stelle, alles Weitere ergibt
sich von selbst." oder "Es ist das Beste, eine Sache richtig gut zu
machen."
Aller persönlicher Emotionen der Nutzer zum Trotz oder gerade deshalb muss sich
Google bei der zwei Jahre
währenden Vorbereitungsphase zu Google Street View
Kritik gefallen lassen. Dass der Deutsche beim Thema Datenschutz gemeinhin
"speziell reagiert" und dies
viel emotionaler
diskutiert als zum Beispiel Menschen in England, USA oder in Asien,
ist nicht neu und gerade deshalb funktioniert Kommunikation
und PR nach amerikanischem Muster hierzulande nur schlecht bis gar nicht. Die
Kommunikationsbotschaft komplett kontrollieren zu wollen, auf Presseveranstaltungen
vor allem eine schön durchgestylte Show abzuliefern und bei kritischen
Nachfragen mehr und mehr auszuweichen, schafft weiteres Unbehagen auch bei bislang
neutral eingestellten Personen. Zudem ist dies in Zeiten von
Social Media, Facebook, Twitter, Blogs und Co. nicht
mehr zeitgemäß.
Der Nutzer
und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt, somit müssen auch die Ängste und
Vorbehalte von Kritikern beachtet werden. Dies beträfe zum einen die offene Kommunikation
zu den Google-Street-View-Autos, also vor allem auch von selbst zu veröffentlichen, welche Daten, Fotos, Videos
und welche sonstigen Details sie aufzeichnen. Hier im Nachhinein zugegeben zu
müssen, dass die Autos weltweit mehr aufgezeichnet haben als nur Fotos, sondern eben
auch Informationen zu WLAN-Netzen, geht gar nicht.
Zum anderen kommt das Unbehagen zu Google Street View bei vielen Deutschen
sicherlich auch aus der Unwissenheit, was dieser Dienst wirklich ist, welche
Möglichkeiten Street View dem Nutzer bietet und welche Details dort sichtbar
werden und welche aber eben auch nicht. Hier wäre es sicherlich gut gewesen,
wenn Google den Beta-Test mit Oberstaufen früher veröffentlicht hätte,
möglichst sogar vor der flächendeckenden Befahrung von Deutschland mit
den Google-Street-View-Autos, und Zweiflern bzw. skeptischen
Menschen die Möglichkeit gegeben hätte, den Dienst live in einem deutschen Ort
kennenzulernen.
Handwerkliche Fehler erschweren Durchbruch von Street View
 Das Google Street View Auto
Die zahlreichen Pannen, sowohl beim Beta-Test in Oberstaufen als auch nach dem
Start am vergangenen Donnerstag, erschweren zudem die Akzeptanz von Google Street
View in Deutschland. Auch wenn diese nicht einmal ein Promille der
gesamten Daten betreffen, stürzen sich Medien, Experten und Skeptiker nun einmal
darauf. Unverpixelte Häuser, die eigentlich verfremdet hätten sein sollen,
deutlich erkennbare Gesichter vor dem Bordell, lesbare Kennzeichen von Autos sind
nur einige Beispiele einer zu langen Liste.
Klar: Die Datenmenge, auch bei "nur" zwanzig Großstädten ist enorm. Auf der anderen
Seite ist der Start (mit)entscheidend für die Akzeptanz von Street View in
Deutschland, so dass diese emotional peinlichen Fehler doppelt weh tun können:
Folgen nun in den kommenden Monaten weitere Fluten von Austragungswünschen, so ist
Google Street View in Deutschland nur die Hälfte wert von dem, was dieser Dienst
positiv leisten kann.
Allen Nutzern kann ich derzeit nur empfehlen, höchst selbst einen fairen Blick in das aktuelle
Angebot von Google Street View zu werfen und dann zu entscheiden. Häufig kann
es sinnvoll sein, zu warten, bis Google die Bilder der eigenen Adresse veröffentlicht
hat und dann in Ruhe zu entscheiden, ob man die eigene Adresse unkenntlich machen lassen
will oder nicht. Weil: Einen Weg zurück gibt es (derzeit noch) nicht!
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