Fusionsfolgen

Editorial: Weniger Netzbetreiber, weniger Arbeitsplätze

Viele Positionen sind nach der Fusion doppelt besetzt: Lesen Sie, wo künftig weniger Mitarbeiter benötigt werden, und warum Stellenabbau nicht alles sein kann!
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Netzzusammenschluss mit FolgenNetzzusammenschluss mit Folgen Überraschend kommt die Meldung nicht: Allenfalls verwundert, dass sie es erst gut zwei Wochen nach der offiziellen Verkündung der Fusion in die Medien geschafft hat: Nach der Übernahme von E-Plus betreibt Telefónica Deutschland den Abbau von 1 600 Stellen. Anscheinend sind beide Hauptstandorte - München (Telefónica / o2) wie Düsseldorf (E-Plus) - von der Maßnahme betroffen.

Viele der Aufgaben eines Netzbetreibers sind weitgehend unabhängig von der Zahl der Kunden: Produktentwicklung, Administration des Kernnetzes oder das Top-Management sind nur einige Beispiele hierfür. Andere Aufgaben skalieren mit der Zahl der Kunden, aber unterproportional: Hierzu gehört die Netzadministration in der Fläche oder der Kundenservice.

Ein großes Netz benötigt zwar mehr Basisstationen als jedes von zwei kleinen Netzen, aber zugleich weniger Basisstationen als die beiden kleinen Netze zusammen. Das rührt daher, dass sich nach der Fusion jeweils zwei räumlich nahe gelegene Standorte zusammenlegen lassen, wenn zusätzlich gilt, dass beide nur teilweise ausgelastet sind. Anfangs führt die Netzintegration aber sogar erstmal zu zusätzlicher Arbeitsbelastung.

Durch die Fusion wird die Zahl der zu erledigenden Hotline-Anrufe und Kundenbriefe auf lange Sicht in etwa gleich bleiben. Kurzfristig ist beim Service sogar erstmal mit einem Mehraufwand durch Anfragen besorgter Kunden zu erwarten. Jedoch sind in einer größeren Service-Abteilung die statistischen Schwankungen (zufällige Anfragespitzen, Ausfälle von Mitarbeitern durch Krankheit etc.) im Vergleich zum Gesamtvolumen kleiner. Folglich müssen im Verhältnis weniger Mitarbeiter als Reserve für Spitzenzeiten vorgehalten werden. Ebenso wird es in einer größeren Service-Abteilung häufiger passieren, dass sich eine komplexe Kundenanfrage wiederholt. Der dafür nötige Rechercheaufwand entsteht aber nur einmal.

Es wäre daher vermessen, nach der Fusion alle Mitarbeiter unverändert weiterbeschäftigen zu wollen. Um weiterhin alle Mitarbeiter auszulasten, müsste Telefónica o2 die Kundenzahlen nochmals deutlich nach oben schrauben. Dies geht im gesättigten Mobilfunkmarkt in Deutschland nur gegen den Platzhirschen Deutsche Telekom und die derzeit etwas schwächelnde Vodafone. Aber selbst, wenn alle die Kunden, die Vodafone den Rücken kehren, zu Telefónica kämen, würde das nicht reichen, um den genannten Stellenüberhang von etwa einem Sechstel aller Stellen auszugleichen.

Dass Ver.di den Stellenabbau dennoch als "phantasielos" kritisiert, ist ebenfalls wenig überraschend. Immerhin ist zu hoffen, dass ein Teil der Arbeitsplätze, die beim fusionierten Unternehmen verloren gehen, der Tk-Branche erhalten bleiben: Die Bedeutung der netzunabhängigen Discounter wächst weiterhin, und mancher Ex-o2- oder Ex-E-Plus-Mitarbeiter wird sich dort wiederfinden.

Chancen nutzen!

Mit der Fusion entsteht nach vielen Parametern - Zahl der Kunden, Gesprächsminuten oder auch Frequenzausstattung - der größte und stärkste Netzbetreiber Deutschlands. Zu hoffen ist, dass der Konzern sich nicht nur aufs Kostensparen verlegt, sondern auch die Chancen aus der Fusion nutzt, und zwei Netze mit individuellen Stärken und Schwächen zum stärksten Netz Deutschlands zusammenfügt. Davon würden auch die Kunden der anderen Netzbetreiber profitieren, denn auch die Konkurrenz wäre dann gezwungen, sich beim Netz wieder mehr anzustrengen.

Beide Anbieter - E-Plus wie Viag Interkom alias o2 alias Telefónica - hatten den Nachteil des späten Starts: Sie konnten mit dem Netzaufbau erst beginnen, als die anderen beiden Anbieter bereits fest etabliert waren, und sie hatten bis zuletzt Nachteile bei der Frequenzausstattung: So hatten E-Plus wie Telefónica weniger Bänder im wichtigen GSM-900-Bereich als Telekom und Vodafone, und E-Plus musste auf das zur Flächendeckung besonders gut geeignete 800-MHz-Band sogar ganz verzichten.

Mit der Fusion zieht o2/E-Plus im 800er und 900er-Bereich mit der Konkurrenz (fast) gleich, bei 1800, 2100 und 2600 MHz sogar deutlich an ihr vorbei. Letzteres erlaubt den Aufbau besonders dichter Datennetze in den Städten. In den letzten Jahren hat E-Plus unter Thorsten Dirks bei der Netzqualität - der schwächsten Ausstattung mit niedrigen Frequenzen zum Trotz - eine rasante Aufholjagd hingelegt. Hoffen wir aus den oben genannten Gründen, dass sie unter Thorsten Dirks im fusionierten Unternehmen weitergeht.

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