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Editorial: Brauchen wir vier Wege zum Kunden?

Kupfer, Breitbandkabel, Glasfaser und Funk: Des Guten zuviel?
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Lohnt es sich wirklich, den Kunden inklusive Mobilfunk auf vier verschiedene Arten anzubinden?Kupfer, Breitbandkabel, Glasfaser und Funk Telekommunikation wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit, zum Grundprodukt, das beispielsweise in den Hartz-IV-Regelsätzen ebenso eingerechnet wird wie Brot und Butter. Zugleich unterliegt sie aber auch ständigen Änderungen. War Mobilfunk vor 20 Jahren noch eines der Luxusprodukte schlechthin, ist er inzwischen zumindest für Wenigtelefonierer zum billigsten Telefonanschluss überhaupt geworden.

Und gesellschaftlich bildet sich die schnell wachsende Gruppe der reinen Mobilfunker, die freilich heterogener kaum sein könnte: Hier der Hartz-IV-ler, der jeden Cent zweimal umdrehen muss, und schließlich den Festnetzanschluss opfert, um Grundgebühren zu sparen. Dort der Student oder der gutverdienende ultramobile Single, der es aufgegeben haben, den Festnetzanschluss "hinterherziehen" zu lassen.

Doch das Festnetz hat noch lange nicht ausgedient. Im Gegenteil, es wird sogar weiter ausgebaut: Neben dem bekannten Telefonkabel und dem hierzulande zunehmend für Telefon und Internetzugang genutzten TV-Breitbandkabel wird immer öfters eine weitere Technologie installiert: Glasfaserkabel bis in die Wohnung (FTTH). Hierzulande hat die Deutsche Telekom angekündigt, nach Abschluss entsprechender Pilotprojekte bald mit dem Regelaufbau des Glasfasernetzes zu beginnen.

Verwirrende und kostentreibende Technik-Vielfalt

Doch lohnt es sich wirklich, den Kunden inklusive Mobilfunk auf vier verschiedene Arten anzubinden? Letztendlich bezahlen die Kunden für den zusätzlichen Aufwand, die Infrastruktur parallel vorzuhalten. Zumal sich durch unterschiedliche Standards auf den einzelnen Medien die Variantenzahl noch potenziert: Analog, ISDN, ADSL, VDSL, SDSL usw. auf dem klassischen Kupferkabel; GSM, UMTS und LTE im Mobilfunk; und selbst auf dem neuen FTTH-Glasfaserkabel ist schon fast das halbe Dutzend voll!

Doch warum sollte man den Betreibern der TV-Kabelnetze verbieten, das eh vorhandene Breitbandkabel mit vergleichsweise geringem Aufwand rückkanalfähig aufzuwerten und damit Breitbandanschlüsse anzubieten? Zumal sie damit auf natürlichem Weg ein Monopol brechen, das die Telekom sonst bei den Kabeln hätte?

Und warum soll die Telekom nicht den Umbau des Telefonnetzes von Kupfer zu Glasfaser forcieren, wenn Glasfaser langfristig gesehen die kostengünstigere und flexiblere Technologie ist? Denn Glasfaserkabel sind billiger als Kupferkabel, sie ermöglichen die vielfache Leitungslänge und die Anbindung zahlreicher Wohnungen über eine einzelne Faser.

Aber so ein Umbau wird während einer sehr langen Übergangsphase den Parallelbetrieb zweier Netze bedeuten. Denn bis das letzte Rentner-Ehepaar überzeugt worden ist, ihren bewährten Analoganschluss gegen einen gleich teuren und kostenlos installierten Glasfaseranschluss und eine Box umzutauschen, die den Analoganschluss ersetzt, wird sehr viel Zeit vergehen. Die alten Anschlüsse der migrationsunwilligen Kunden zu kündigen und dann abzuschalten, geht aber auch nicht: Die Telekom könnte sich für diesen Fall einer Welle der Entrüstung über alle Medien hinweg sicher sein!

Im Ergebnis fällt es nicht nur Technik-affinen Ländern wie Südkorea oder Hongkong leichter, neue Netze zu bauen, sondern auch kleinen, wirtschaftlich aufstrebenden Ländern wie Lettland, Slowenien und der Slowakei. In beiden ist der gesellschaftliche Druck auf Einzelpersonen höher, nicht durch egoistisches Verhalten ("Ich will keine neuen Kabel in unserer Straße!" bzw. "Ich will die Box nicht!") eine neue Technologie zu verhindern bzw. ineffizienten langdauernden Parallelbetrieb zu erzwingen.

Kunden wollen nicht alles

Auf der anderen Seite stehen die Kunden. Und die sind keineswegs bereit, ihr meist nur geringes wirklich frei verfügbares Einkommen sofort für neue Telekommunikations-Dienste auszugeben. Im Gegenteil, die Zahl der Festnetz-Anschlüsse sinkt, und auch FTTH/Glasfaser wird diesen Trend allenfalls kurzfristig verlangsamen, auf keinen Fall aber aufhalten oder umkehren können. Wenn man nicht laufend Videos überträgt und Fernsehen per Antenne oder terrestrisch empfängt, dann reicht der mobile Internetzugang allemal aus.

Andere Kunden warten hingegen sehnsüchtig auf hohe Bitraten bei hoher Stabilität und kleinen Latenzzeiten, und sind auch bereit, hierfür einen Aufpreis zu bezahlen. Mit ausreichend vielen dieser "early adopters" könnte FTTH selbst dann zum Erfolg werden, wenn nur ein Teil der Kunden wechselt.

Ganz allgemein stehen die Fest- und Mobilnetzbetreiber vor dem Problem, immer mehr Netze für jeweils immer weniger Kunden pro Netz aufzubauen. "Konvergenz in den Kernnetzen" heißt das Zauberwort, das die Kosten dennoch im Zaum halten soll: Eigentlich ist es doch egal, ob die letzte(n) Meile(n) per Kupferkabel, Breitbandkabel, Funk oder Glasfaserkabel zurückgelegt werden. Es sind immer Daten, die darüber fließen, und die im Kernnetz einfach dem richtigen Dienst (etwa Sprache, Video, Internet-Zugang) zugeordnet werden müssen.

Auch wenn konvergente (Kern)netze der Vervielfachung der technischen Hürden entgegenwirken: Für die Tk-Konzerne bleibt es eine schwierige Gratwanderung, mit minimalen Kosten maximale Zugangs-Flexibilität bei zugleich optimaler Performance und Verfügbarkeit zu bieten.

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