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FairPhone 2 ausprobiert: Nachhaltigkeit ernst genommen

FairPhone hat sein zweites Smartphone, das FairPhone 2, in Eigenregie entwickelt. Um die Lebensdauer zu erhöhen, kommt ein modulares Design zum Einsatz, das Reparaturen erleichtern soll. Wir haben das Smartphone auseinandergenommen.
Vom Mobile World Congress in Barcelona berichtet
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Das modular konstruierte FairPhone 2 soll eine lange Lebensdauer aufweisen.
Das modular konstruierte FairPhone 2 soll eine lange Lebensdauer aufweisen.
Das FairPhone 2 soll wegen seiner modularer Bauweise leicht zu reparieren sein. Auf dem Mobile World Congress zeigte der Hersteller das Smart­phone und erklärte uns, welche Ideen hinter dem Smart­phone stecken.

Die Ausstattung des Smart­phones ist auf ordentlichem Niveau. Ein Snapdragon 801 sorgt für genügend Power im Alltag, der Arbeits­speicher ist 2 GB groß und der 5-Zoll-Touchscreen löst in Full-HD (1080 mal 1920 Pixel) auf. Die Hauptkamera ist mittels eines 8-Megapixel-Sensors von Omnivision realisiert, die Frontkamera hingegen weist eine Auflösung von 2 Megapixel auf. Ins Internet geht es via LTE - wobei alle aktuell in Deutschland eingesetzte Frequenzen unterstützt werden - oder mittels WLAN b/g/n/ac.

Die Besonderheit: Modulare Konstruktion

Eines der wohl spannendsten Features des FairPhone 2 ist die Konstruktion: Statt auf Kleber und eigenwillig geformte Schrauben setzt FairPhone auf Standard-Bauteile und ein modulares Design. Das dient aber weniger dazu, dass Kunden eine eigene Komposition aus Ausstattungsmerkmalen zusammenstellen können. Vielmehr soll die Bauweise dafür sorgen, dass Kunden das Handy leicht reparieren können, sollte etwas defekt sein.

Zum Beispiel das Display: Typischerweise ist der Austausch eines gesplitterten Displays ziemlich aufwändig, weil Kabel abgesteckt werden müssen und mitunter viele Schichten von Klebern für Probleme sorgen. Beim FairPhone 2 hingegen ist die Verbindung von Display und Smart­phone mit einem speziellen Konnektor gelöst und das Display ist mit Hilfe von zwei Verschlüssen an das Gehäuse geknipst. Der Vorteil dieser Konstruktion liegt auf der Hand: Selbst technisch wenig versierte User können ohne Probleme einen Austausch des Screens vornehmen. Hohe Reparaturkosten oder lange Werkstattzeiten entfallen somit - ein Ersatz-Display kann im Shop von FairPhone geordert werden. Im Online-Shop sind eine ganze Reihe Ersatzteile gelistet.

Das FairPhone 2 auseinandergenommen: Links das Grundmodul mit weiteren austauschbaren Teilen, rechts ist das Display zu sehen.
Das FairPhone 2 auseinandergenommen: Links das Grundmodul mit weiteren austauschbaren Teilen, rechts ist das Display zu sehen.
Ist das Display abgenommen, lassen sich weitere Module austauschen. Zum Beispiel das Kameramodul, aber auch die Speaker und das obere Modul mit der Kopfhörerbuchse. Mechanische oder elektronische Defekte lassen sich beim FairPhone also recht leicht beheben. Fest implementiert und somit nicht wechselbar ist das Mainboard, auf dem unter anderem der Prozessor und der Arbeits­speicher platziert sind.

Mit diesen Maßnahmen möchte FairPhone die Lebensdauer des Smart­phones erhöhen. Statt bei einem Defekt einfach das Handy tauschen zu müssen, können Kunden beim FairPhone ressourcenschonend einzelne Bestandteile ersetzen.

Hier zu sehen: Der spezielle Konnektor für das Display.
Hier zu sehen: Der spezielle Konnektor für das Display.
Denkbar sei künftig jedoch, dass einzelne Module verbessert und aufrüstbar sind. FairPhone sagte uns, dass es möglicherweise ein aktualisiertes Kameramodul geben könnte. Das Ziel sei dann jedoch, das Grundmodell mit dem neuen Modul auszustatten und dieses so länger im Markt halten zu können - ein nicht unwesentlicher Gedanke, zumal die Specs der Kamera ohnehin am unteren Ende des Marktes liegen. Bestandskunden könnten dann jedoch ebenfalls auf Wunsch das neue Kameramodul kaufen und ihr eigenes FairPhone 2 aufwerten.

FairPhone 2: Haptik, Software, alternative Systeme

Haptisch ist das FairPhone nicht ganz auf der Höhe mit anderen eleganter geformten Smart­phones, weil es konstruktionsbedingt recht dick ist. Hierzu tragen einerseits die nötigen flexiblen Verbindungsstecker bei, andererseits aber auch die abnehmbare Rückseite, die gleichzeitig als robustes Schutzcase dient.

In puncto Software verwendet das FairPhone 2 Android in Version 5.1. In unserem kurzen Test reagierte das Smart­phone recht flink, allerdings waren Animationen und das Scrollen nicht immer ganz butterweich. Zusätzlich zum bekannten Standard-Umfang von Android liefert FairPhone einige Lockscreen-Widgets mit, die zum Beispiel anzeigen, wie viel Zeit der Nutzer im "Peace of Mind" verbracht hat - also wie lange er das Smart­phone zuletzt nicht angeschaltet hatte. Apps sind in einem vertikal scrollenden App Drawer untergebracht. Shortcuts liegen dann auf den Homescreens. Insgesamt hinterließ die Oberfläche einen guten Eindruck. Wahlweise soll auch der Standard-Android-Look einzustellen sein.

Mit Hilfe der blauen Verschlüssen wird das Display an das FairPhone 2 geknipst.
Mit Hilfe der blauen Verschlüsse wird das Display an das FairPhone 2 geknipst.
Der Hersteller unterstützt die Community dabei, alternative Betriebssysteme auf dem FairPhone 2 zum Laufen zu bekommen. Eine Vereinbarung besteht inzwischen mit Jolla, den Machern von Sailfish OS. Das soll künftig als offiziell unterstützte, zweite Plattform installierbar sein. Aktuell werde aber noch geprüft, ob das FairPhone 2 optional auch mit Sailfish OS verkauft werden soll. Unklar ist noch, wann die derzeit von der Community entwickelte Version von Sailfish OS stabil genug ist, um sie allen FairPhone-2-Kunden offiziell zur Verfügung zu stellen. Weiterhin gibt es Bestrebungen, Firefox OS auf dem FairPhone 2 anzubieten - die unklare Zukunft des Mozilla-Systems könnte aber für ein jähes Ende dieser Ambitionen sorgen. Eine FairPhone-Vertreterin sagte uns, dass es das Bestreben der Firma sei, den Kunden Wahlmöglichkeiten in puncto Betriebssystem zu ermöglichen. Sailfish OS sei in der Community die meistnachgefragte Zusatz-Plattform.

Auch bei der Hardware gibt es für die Community ein Betätigungsfeld: Auf der Rückseite des Handys ist ein Expansionport angebracht, mit dessen Hilfe weitere Hardware-Features in wechselbare Backcover implementierbar sind. Dafür stehe auch eine Dokumentation zur Verfügung. So könnte beispielsweise ein NFC-Chip Anbindung an das Smart­phone finden.

Das FairPhone ist mit unterschiedlichen Backcover-Varianten erhältlich.
Das FairPhone 2 ist mit unterschiedlichen Backcover-Varianten erhältlich.

Kurzfazit: Nachhaltiger Konsum für Smart­phone-Fans

Aktuell kostet das FairPhone 2 im Online-Shop des Herstellers gut 520 Euro - was nicht gerade wenig ist. Dafür erhält der Kunde jedoch ein flexibel reparierbares, in Grenzen künftig auch aufrüstbares Smart­phone, das im Idealfall drei bis fünf Jahre hält. Rein finanziell betrachtet geht die Rechnung wahrscheinlich kaum auf: Für den Preis lassen sich mindestens zwei leistungsfähige Smart­phones kaufen, die ebenfalls zusammen drei bis fünf Jahre überstehen können. Aber es geht ja nicht nur um den finanziellen Aspekt: Wer den Kompletttausch eines Smart­phones verzögert, schont damit die Umwelt und die knappen Ressourcen - Stichwort seltene Erden und andere Materialien, die beim Smart­phone-Bau zum Einsatz kommen. Nachhaltigkeit ist wohl das entscheidende Argument für das FairPhone 2.

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