Pyrrhussieg

Editorial: kino.to ist tot, die Film-Piraterie lebt

Streaming-Gemeinde trauert nur kurz um das erste große Opfer
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Illegales Fernsehen in Zeiten nach kino.toIllegales Fernsehen in Zeiten nach kino.to kino.to wurde abgeschaltet, mehrere der Betreiber festgenommen, manche Nutzer der Streaming-Seite sind unsicher, ob für den kostenlosen Filmgenuss individuelle juristische Konsequenzen drohen - der Dresdener Staatsanwaltschaft und der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) ist ein ordentlicher Schlag gegen die Filmpiraterie gelungen. Und doch hält sich die Trauer bei den Serienjunkies und Filmfreaks im Netz zurück, denn schließlich gibt es zahlreiche Alternativen zu kino.to - einige davon legal, die Masse aber genauso gesetzeswidrig. Ein klassischer Pyrrhussieg der Behörden also?

Auf den ersten Blick sicher nicht, denn mit kino.to hat es einen vergleichsweise dicken Fisch erwischt. Bei der großangelegten Razzia in Deutschland, Frankreich, Spanien und den Niederlanden gingen den Ermittlern bereits zwölf Verdächtige ins Netz, nach einigen weiteren wird noch gefahndet. Damit wurde mit großer Konsequenz gegen die beliebte und auch bei Otto-Normal-Surfern sattsam bekannte Streaming-Seite vorgegangen. Einem Bericht der Wirtschaftswoche zufolge können sich die Betreiber der offensichtlich illegalen Seite auch nicht damit herauswinden, sie hätte nur Links gesammelt, aber keine verbotenen Inhalte auf ihren eigenen Servern gehabt - die Betreiber von kino.to seien teilweise identisch mit denen von mindestens vier großen Datenhostern, die die Filme zur Verfügung stellten. Über ein Dutzend weitere Anbieter kooperierten den Ermittlern zufolge eng mit kino.to. Dass einige Inhalte sogar auf der kino.to-Seite selbst über einen eingebetteten Player zu sehen waren, fällt da kaum mehr ins Gewicht.

kino.to ist unzweifelhaft illegal

Im Hinblick auf diese Konstellation - so sie denn tatsächlich so aussieht - wird auch klar, warum der "Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmäßigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen" geäußert wurde. Wer so ein Netzwerk aufzieht, die jeweiligen Seiten dann noch mit Werbung für meist fragwürdige Seiten aus dem Spiele-, Wetten- oder Erotikbereich bestückt und entsprechend intensiv verlinkt, kann sich nicht hinter dem Telemediengesetz verstecken und Unkenntnis über die verlinkten Inhalte geltend machen. Auch einschlägige Rechtsexperten wie Telemedicus oder Schwenke & Dramburg sind sich sicher, dass kino.to als solches unbestritten gegen geltendes Recht verstößt.

Ob das die Nutzer selbst allerdings auch betrifft oder überhaupt interessiert, ist fraglich. Da die gestreamten Filme und Serien nicht als ganzes und dauerhaft auf dem Rechner gespeichert werden und auch keine Speicherung der IP-Adressen stattgefunden hat, dürfte die Mischung aus rechtlicher Grauzone und kaum nachzuvollziehenden Protokollen dafür sorgen, dass de Nutzer - immerhin geschätzte vier Millionen oder mehr Menschen - straffrei im Sinne des Gesetzes ausgehen.

Fehlendes Unrechtsbewusstsein bei den Nutzern

Das wahrscheinliche Ausbleiben von juristischen Konsequenzen für die Freunde des illegales Filmgenusses ist allerdings nicht dafür geeignet, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass hier schlicht und einfach verbotene Dinge getan werden. Es hat sich bei Filmen und Serien, wie anfangs bei der Musik, im Internet eine Gratismentalität entwickelt, bei der jegliches Unrechtsbewusstsein über Bord gegangen zu sein scheint. Die Ausrede ist im Regelfall, dass es schließlich niemandem weh tue - "Die Industrie hat doch genug Geld!" - und zudem gute und günstige legale Angebote nicht vorhanden seien. Das man sich hier auch moralisch auf vergleichsweise dünnem Eis bewegt, dürfte klar sein. Schließlich klauen wohl auch die wenigsten ein Fertiggericht aus dem Suprmarkt, nur weil ihnen die Preise der Hersteller nicht passen oder nur ein Zehnerpack angeboten wird.

Die Industrie hat selbstredend ebenfalls ein Problem, und das sind die hohen Lizenzgebühren, die hierzulande für Filme und Co. gezahlt werden müssen. Diese stehen deutlich günstigeren oder sogar kostenlosen Angeboten meist im Weg. In den USA etwa sind der iTunes-Store und andere Angebote günstiger und wesentlich besser ausgestattet. Hierzulande kostet zum Beispiel bei Maxdome das Komplettpaket inklusive Blockbuster-Option (drei Highlight-Filme pro Monat, danach kostet jeder Film noch einmal zusätzlich) rund 20 Euro monatlich im Abonnement, und das mit einer Laufzeit von mindestens einem Jahr. Auf Videoload kostet jeder Film zwischen drei und fünf Euro, dafür gehen bereits DVDs in der Grabbel-Ecke über die Ladentheke. Das mag an sich nicht unglaublich viel Geld sein, ist aber vielen Internetnutzern trotz allem auf die Dauer zu teuer.

Angeboten der Industrie fehlen elementare Dinge und Akzeptanz

Der Verlust von kino.to als Plattform dürfte die meisten Nutzer in jedem Fall nur kurz schmerzen, denn schließlich wurde hier eigentlich nur der Hydra der Kopf abgeschlagen. Es gibt zahllose ähnliche Seiten im Netz, und es werden - zumindest gefühlt - eher mehr als weniger. Meist liefert eine kurze Suche im Internet schon bald eine Alternative, die nach dem Wegklicken einiger Fenster mit Schmuddelwerbung den Weg frei macht zu Streams, die wie bei kino.to in Sachen Qualität mit hochwertigen Inhalten oft wenig zu tun haben, aber eben gratis sind. Das Satire-Magazin Der Postillon hat dies überspitzt, aber doch treffend in einer Überschrift formuliert: "Razzia bei kino.to zwingt Millionen User, zwei Minuten nach neuer Streaming-Plattform zu suchen". Die überzeugten Kostenlos-Gucker im Netz werden sich wohl kaum von diesem Schuss vor den Bug abschrecken lassen, und das trotz schlüpfriger Webseiten, nervigen Werbebannern und -fenstern und teilweise unterirdischer Qualität der Videos.

Die Schlussfolgerung, dass es die Industrie noch immer nicht geschafft hat, konkurrenzfähige und bei der breiten Masse akzeptierte Vertriebs-Modelle anzubieten und richtig zu vermarkten, liegt nahe. Zwar gibt es mittlerweile eine Menge Angebote, die Filme und Serien gegen ein Entgelt als Stream zur Verfügung stellen. Doch oft kranken Maxdome und Co. an einfachen Dingen: in den Augen vieler Nutzer zu hohe Preise, teilweise langfristige Abo-Modelle, zu kleines Angebot, nicht immer Original-Ton vorhanden, zu späte Veröffentlichung, vor allem bei US-Serien. Gerade diese sind bei vielen jüngeren Zuschauern sehr beliebt, aber hierzulande oft erst Monate später zu sehen, wenn überhaupt, und dann im Regelfall synchronisiert, was nicht jedem Fan behagt. Da mögen die seriösen Online-Videotheken noch so sehr ihre hochqualitativen Inhalte und langsam sinkende Preise in den Vordergrund rücken: So lange man das Kunststück, die breite Masse der Kunden nach deren Wünschen zu versorgen, nicht hinbekommt, werden sich die Filmfans und Serien-Junkies weiterhin lieber halblegale Videos in schlechter Qualität anschauen, ganz einfach weil es funktioniert, nahezu alle Serien und Filme schnell verfügbar sind, es nichts kostet und keine Konsequenzen drohen.

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