Flatrate

Editorial: Marktlücke genutzt

Erstmalig günstige Flat vom Festnetz in alle Netze
AAA

Schneller als erwartet nutzt ein Discounter die durch die jüngste Senkung der Interconnection-Tarife durch die Bundesnetzagentur zum Handy eröffnete Marktlücke: Während die etablierten Festnetz-Anbieter allesamt erklärten, an hohen Preisen von typisch 20 Cent pro Minute für Anrufe zu Handys festhalten zu wollen, startete easybell kurzerhand mit einer DSL-Allnet-Flatrate für 34,95 Euro monatlich. Das sind monatlich nur zwei Euro mehr, als ein vergleichbar schneller Vodafone-DSL-Anschluss samt "Festnetz-mobil-Option" kostet, bei dem Anrufe zu Handys freilich mitnichten "flat" sind, sondern weiterhin 11 bis 13 Cent pro Minute kosten. Der All-Net-Flat-Aufpreis bei easybell beträgt gerade mal 10 Euro. Dafür bekommt man bei Vodafone DSL lediglich eine Flatrate ins Vodafone-Mobilfunknetz. Für jedes weitere Netz verlangt Vodafone gar 14,95 Euro Aufpreis. In Summe kostet die Vodafone-DSL-Flat in alle Netze 84,80 Euro monatlich, fast das zweieinhalbfache des easybell-Angebots!

Die Frage ist, für wen sich das easybell-Angebot rechnet. Und hier sieht es auf den ersten Blick schlecht aus: Wer viel zu Handys telefoniert, will das meist nicht nur zu Hause, sondern auch unterwegs tun können. Das spricht dann aber dafür, die All-Net-Flat aufs Handy zu buchen, nicht auf den Festnetzanschluss. Schaut man noch einmal genauer hin, ergeben sich dennoch etliche Zielgruppen für die festnetzbasierte All-Net-Flat. Allen gemein ist natürlich, dass sie viel von zu Hause aus zu Handys anrufen:

  • Personen, die bei sich zu Hause nur schlechte mobile Netzversorgung haben oder das Festnetztelefon schlicht angenehmer finden. Mit zusätzlich 10 Euro monatlich kostet dieser Comfort auch nicht die Welt.
  • Familien, für die es viel zu teuer wäre, All-Net-Flatrates auf alle SIM-Karten zu schalten, die jedoch zu Hause insgesamt genügend Handygespräche führen, dass sich eine All-Net-Flat lohnt - dann natürlich auf dem Festnetzanschluss.
  • Wenig mobile Mitbürger, die (fast) ausschließlich vom Festnetz aus telefonieren, dabei aber laufend hochmobile Personen anrufen, die kein Festnetz mehr haben oder dort in der Regel nicht erreichbar sind.
Damit ist die Zielgruppe für easybells neuen Festnetz-Discount-Tarif recht fraktioniert, was deren Markteintritt etwas bremsen könnte, da die Mund-zu-Mund-Propaganda nicht so gut funktioniert wie beispielsweise bei den Mobilfunk-Discountern, wo die Zielgruppe homogener ist. Dass easybell ohne Laufzeithürde (Kündigung jederzeit mit zweiwöchiger Frist zum Monatsende möglich) und mit überschaubaren Einrichtungskosten (50 Euro) kommt, dürfte sich hingegen positiv auf die Akzeptanz auswirken.

Wirtschaftlich?

Allnet-FlatratesAllnet-Flatrates Die andere Frage ist, ob sich die festnetzbasierte All-Net-Flatrate auch für easybell rechnet. Die Interconnect-Entgelte zum Handy wurden jüngst zwar drastisch gesenkt, sind aber mit 2,2 Cent brutto pro Minute weiterhin alles andere als komplett vernachlässigbar. Rechnet man noch die eigenen Kosten hinzu, dürfte der kritische Punkt für easybell bei ca. 400 Minuten Handy-Telefonat im Monat liegen. Telefoniert ein Kunde mehr zum Handy, zahlt easybell drauf.

Kunden, die unter 50 Minuten monatlich zum Handy telefonieren, werden kaum zu easybell Komplett allnet wechseln, denn für sie sind die herkömmlichen Tarife trotz des eingangs genannten Minutenentgelts von um die 20 Cent günstiger. easybell selber verrechnet im Standardtarif Komplett easy (knapp) 10 Cent pro Minute zum Handy, so dass die Zugangsschwelle eigentlich bei 100 Handy-Minuten monatlich liegt, nicht bei 50. Dennoch: Zwischen 100 und 400 Handy-Minuten monatlich liegt ein recht großer Bereich, in dem sowohl der Kunde (zumindest, wenn er nicht günstigere VoIP-Tarife nutzt) als auch easybell profitieren. Das sollte genug sein, um Verluste durch Power-User auszugleichen.

Dennoch ist nicht auszuschließen, dass easybell zu preisaggressiv reingegangen ist. Insbesondere behält sich der Anbieter die Option offen, für Kunden, die ab dem 2. Januar 2013 kommen, einen höheren Preis zu berechnen, indem er den aktuellen Preis als Einführungspreis tituliert. Eine automatische Preissteigerung für die Kunden, die das Einführungsangebot nutzen, wird nicht genannt. Sollte die Kalkulation jedoch überhaupt nicht aufgehen, könnte easybell gezwungen sein, auch bei den Erstkunden den Preis per Änderungskündigung anzupassen, und/oder Power-User ganz rauszuwerfen. Beides ist dank der kurzen Laufzeit möglich; 24-Monats-Verträge bietet easybell für die All-Net-Flatrate derzeit nicht an.

Marktreaktion

Vom wirtschaftlichen Erfolg von easybells Flatrate vom Festnetz in alle Netze wird es abhängen, wie schnell die anderen Festnetz-Anbieter nachziehen. Der Begriff "wirtschaftlicher Erfolg" beinhaltet hier auch beide oben genannten Aspekte: easybell findet ausreichend viele Kunden, und die telefonieren im Durchschnitt auch ausreichend wenig, damit sich die Flatrate rechnet. Selbst, wenn sich am Ende ein etwas höherer Aufpreis von 15 oder gar 20 Euro monatlich durchsetzt: All-Net-Flatrates sind eine sinnvolle Bereicherung für Festnetz- und DSL-Anschlüsse.

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