Verfünffachung

Editorial: Riesensprung für Drillisch

Drillisch müsste seine Kundenzahlen verfünffachen, um die vom fusionierten o2/E-Plus-Netz übernommenen Kapazität zu benötigen. Droht hier, dass sich der bisher vergleichsweise kleine Provider/MVNO wirtschaftlich übernimmt?
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Drillisch will im Falle der Fusion von E-Plus mit o2 bis zu 20 Prozent der Netzkapazität abnehmen.Drillisch will im Falle der Fusion von E-Plus mit o2 bis zu 20 Prozent der Netzkapazität abnehmen. Schon aus der Länge des Genehmigungs­prozesses wird deutlich, dass das europäische Kartellamt die geplante Übernahme von E-Plus durch o2 nicht einfach durchwinken wird. Zunehmend verdichten sich die Gerüchte, dass die wichtigste Auflage zur Genehmigung sein wird, dass das fusionierte Unternehmen mindestens ein Fünftel seiner Netzkapazität an bis zu drei unabhängige Anbieter (in der Fachsprache werden diese MVNO genannnt) vermietet. Die MVNOs können ihren Kunden aus der angemieteten Netzkapazität dann eigene Angebote stricken.

In den letzten Jahren waren es eigene Marken und MVNOs wie Aldi Talk oder Fonic, die die preislichen Impulse im Mobilfunkmarkt setzten. Jedoch enthalten die Verträge zwischen Netzbetreibern und Discountern oft ein starkes Mitspracherecht des Netzbetreibers, insbesondere bei der Preisgestaltung. Zudem sind viele Discounter, wie Blau oder Simyo, Tochtergesellschaften des Netzbetreibers und damit erst recht unfrei in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen.

Durch die E-Plus-Übernahme würden etliche bisher getrennt betreute MVNOs künftig zum selben Netzbetreiber gehören. Daher besteht die konkrete Gefahr, dass der Spielraum der bestehenden MVNOs bei der Preisgestaltung eingeschränkt wird. Die Verbraucher müssten dann höhere Preise bezahlen, als es ohne Fusion der Fall wäre! In Österreich kam es beispielsweise nach der Übernahme von Orange durch den Mobilfunkanbieter 3 zu Preissteigerungen.

Dem fusionierten Unternehmen aufzuerlegen, einen nicht unerheblichen Teil seiner Netzkapazität an ein bis drei unabhängige MVNOs zu vermieten, erscheint daher eine sinnvolle Maßnahme. Sie wird aber nur funktionieren, wenn sichergestellt ist, dass die von den MVNOs zu zahlende Miete sich an den tatsächlichen und notwendigen Kosten für den Netzbetrieb orientiert. Müssen schon die MVNOs überhöhte Vorleistungspreise bezahlen, können sie natürlich keine attraktiven Vertragsangebote für ihre Kunden mehr schnüren. Die Sicherung optimaler Vermietbedingungen könnte sich in der Praxis aber als schwierig erweisen.

Drillischs großer Sprung

Ein erster Vertrag zur Vermietung von Netzkapazitäten ist von Telefónica Deutschland bereits geschlossen worden, und zwar mit Drillisch. Drillisch ist schon seit langem als Mobilfunk-Provider und inzwischen als MVNO am Markt tätig. Bekannter als die Muttergesellschaft sind inzwischen die Discount-Marken wie simply oder helloMobil.

Im letzten Jahr hat Drillisch mit 1,9 Millionen Kunden einen Umsatz von 300 Millionen Euro und einen Gewinn vor Steuern von 60 Millionen Euro erzielt. Hinzu kommt ein Finanzergebnis von gut 110 Millionen Euro, das sich aber nicht so einfach wiederholen lassen wird. Mit 20 Prozent Umsatzrendite vor Steuern steht Drillisch sehr solide da.

Im Rahmen der nun geschlossenen Vereinbarung erhält Drillisch das Recht und die Pflicht, binnen der kommenden fünf Jahre 20 bis 30 Prozent der Netzkapazität von Telefónica/o2/E-Plus zu übernehmen. Das entspräche, ein Weiterlaufen des aktuellen Wachstums der Kundenzahlen im Mobilfunk und einen gleichbleibenden Marktanteil des fusionierten Unternehmens vorausgesetzt, dann 10 bis 15 Millionen Kunden! Also selbst, wenn Drillisch nur das untere Ende des genannten Zielbereichs erreicht, müssten sie jährlich um etwa die Zahl der Kunden wachsen, die sie derzeit überhaupt haben. Ein sehr ambitioniertes Ziel!

Mir ist nicht bekannt, ob Drillisch im Hintergrund starke Investoren hat, die dieses schnelle Wachstum vorfinanzieren können, insbesondere die zu erwartenden Marketingkosten. Der für den Mobilfunkmarkt in Deutschland schlimmste Fall wäre, dass sich Drillisch an den eigenen, ambitionierten Zielen verhebt, und ob der Pflicht, einen bestimmten Teil der Netzkapazität von Telefónica abnehmen zu müssen, wirtschaftlich zugrunde geht. Am Ende würden wir dadurch weitere Discount-Marken verlieren, die bisher auch die anderen Netzbetreiber erfolgreich vertrieben haben, simply zum Beispiel auch Vodafone. Hier sollte das EU-Kartellamt die Folgen des Vertrags für simply und Co. genau prüfen.

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