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Editorial: Mit Smartphone-Apps gegen Dioxin!?09.01.2011
17:36 Seltsame Blüten des aktuellen Lebensmittelskandals
Von Kai Petzke
![]() Eine App als wirksamer Schutz gegen Dioxin-Eier?! Dioxin entsteht bei vielen chemischen Prozessen als unerwünschtes Nebenprodukt. Weil Dioxin hochgiftig ist, filtert man es aus dem jeweiligen Produkt bestmöglich heraus. Die Entsorgung der dabei übrigbleibenden dioxinverseuchten Abfallstoffe ist jedoch alles andere als billig. Und so ist so mancher Manager im Chemiewerk versucht, den Abfall einfach ausreichend verdünnt einem anderen Produkt beizumischen, wo er dann schon nicht auffallen wird. Und so kam Dioxin wohl bereits auf nicht ganz koscherem Weg in einen der Rohstoffe, die für die Biodiesel-Produktion verwendet werden. Genauso wenig koscher war es dann von der Firma Harles und Jentzsch, einen der Abfallstoffe der Biodiesel-Produktion, nämlich Mischfettsäuren, als Futtermittel weiterzuverwenden. Das wäre zwar wahrscheinlich gutgegangen, wenn für die Biodiesel-Produktion nur saubere Chemikalien und Rohstoffe verwendet worden wären, aber eben nur dann. Und so landete das Dioxin - möglicherweise über noch weitere, bisher nicht aufgeklärte Zwischenschritte - im Futterfett, dann (als Beimischung) im Tierfutter und schließlich in den Eiern und im Fettgewebe der damit gefütterten Hühner. Eier-AstrologieKlar, dass der Skandal derzeit weite Kreise zieht. Seltsam nur, welche Blüten er treibt. Beispiel Anti-Dioxin-Smartphone-App: Code der Legebetriebs-Codierung vom Ei abtippen, und die App ermittelt, ob der zugehörige Betrieb in der Liste der wegen des Skandals vorsorglich geschlossenen Betriebe steht. Freilich sagt die App zum aktuellen Zeitpunkt wenig bis gar nichts über die konkrete Belastung aus: So liegt ein Drittel der Proben, die von in den vergangenen Monaten von Harles und Jentzsch verkaufter Ware auf Dioxin untersucht wurden, unter dem Grenzwert. Daraus hergestelltes Tierfutter und damit gefütterte Tiere sind unbedenklich. Erst recht dann, wenn diese neben dem Industrie-Futter auch anderes Futter bekamen. Und so wurden bisher nur bei einem kleinen Teil der untersuchten Betriebe, die mit Harles-und-Jentzsch-Fett versetztes Futtermittel erhalten hatten, auch tatsächlich belastete Eier gefunden. Hunderte der vorsorglich gesperrten Bauernhöfe wurden zwischenzeitlich wieder freigegeben. Die Spitzenwerte bei den Futterfett-Proben betragen hingegen das 77-fache des zulässigen Grenzwerts. Und Hühner, die viel von mit derart hoch verseuchtem Futterfett hergestelltem Kraftfutter gefressen haben, sind natürlich belastet: Die Eier nach aktuellen Messungen bis zum Vierfachen des Grenzwerts, das Fettgewebe bis zum Zweieinhalbfachen des Grenzwerts. Bis aber alle Betriebe getestet sind und die Behörden die genauen Liefer- und Weiterverarbeitungswege der besonders stark belasteten Futterfett-Chargen aufgeklärt haben, werden sicher noch Wochen vergehen. Wochen, in denen weder die Auskunft "Ihr Ei stammt von einem vorsorglich geschlossenem Betrieb" tatsächlich eine Belastung nachweist, noch die Auskunft: "Ihr Ei stammt aus einem derzeit nicht gelisteten Betrieb" ein Grund zur Entwarnung ist. Grundsätzlich ist natürlich die Idee, per Smartphone-App oder Browser-Abfrage weitere Informationen über ein Produkt abzufragen, sinnvoll. Nur im aktuellen Skandal, in dem dank der langwierigen und teuren Dioxin-Tests noch kaum konkrete Daten vorliegen, ist sie wenig hilfreich. Grenzwert-SchlagzeilenAuch manche Medien treiben derweil ein fragwürdiges Spiel, etwa, indem sie nach dem Bekanntwerden der Messwerte bei Harles und Jentzsch titelten: "Grenzwert-Überschreitungen immer schlimmer". Denn die zig-dutzendfache Überschreitung des Dioxin-Grenzwerts beim Futterfett lässt sich nicht mit der 2- bis 4-fachen Grenzwertüberschreitung bei Eiern und im Fettgewebe von Hühnern vergleichen: Nach bisherigem Erkenntnisstand ist das Tierfutter nämlich wirklich als Tierfutter verwendet worden. Weitere Editorials
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