Digitalradio

LfM-Direktor fordert Nachfolgesystem für DAB+

Da sich der NRW-Lokalfunk nur schwierig in DAB+ abdecken lässt, fordert der Direktor der Landesanstalt für Medien (LfM) eine Nachfolgetechnologie für den digital-terrestrischen Hörfunk. Ist das jetzt noch sinnvoll, wo der Zug immer mehr in Richtung DAB+ abfährt?
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Broadcast-Lösungen mit 5G kommen wohl erst in einigen JahrenBroadcast-Lösungen mit 5G kommen wohl erst in einigen Jahren Just zu einem Zeitpunkt, wo sich der digital-terrestrische Hörfunk DAB+ in Deutschland immer mehr durchsetzt und in über fünf Millionen Haushalten bereits ein Digitalradio-Gerät steht, heizt Nordrhein-Westfalen die Debatte um ein Ende des Standards und einen Nachfolger an. Hintergrund ist die bisherige Skepsis des Lokalfunks beim Thema DAB+. "Wir müssen überlegen, wie wir den lokalen Hörfunk, wenn überhaupt, in die digitale Welt bekommen", sagte der Direktor der Landesanstalt für Medien (LfM), Dr. Jürgen Brautmeier, Ende 2015 in einer Anhörung zur Änderung des Landesmediengesetzes vor dem nordrhein-westfälischen Landtag, dessen Protokoll jetzt vorliegt. Über DAB+ werde dies "schwierig bis unmöglich". Er fordert daher: "Wir benötigen ein Nachfolgesystem". Dafür müsse der WDR "die Lokomotive sein, so wie er auch in anderen Bundes­ländern mittlerweile als Lokomotive gesehen wird und sich dazu bereit erklärt hat".

Lokalradio-Abbildung in DAB+ ist "gewaltiger Aufwand"

Laut Brautmeier sei es zwar technisch möglich, den Lokalfunk in regionalen Multiplexen bei DAB+ abzubilden. Dies sei allerdings problematisch, "weil es ein gewaltiger Aufwand ist und gegenwärtig so wenige Geschäftsmodelle erkennbar sind." Er warnt vor einem großen Ungleichgewicht zwischen dem öffentlich-rechtlichen WDR auf der einen und dem Privatradio auf der anderen Seite. 2015 startete die LfM einen Call-of-Interest für DAB+. Obwohl es darauf eine rege Beteiligung gab, verzichtete die Medienanstalt bisher auf eine Ausschreibung. Hintergrund ist unter anderem, dass sich die UKW-Lokalradios vorerst nicht an der digitalen Terrestrik beteiligen wollen.

DAB+ im Digitalradio aktuell alternativlos

Doch macht eine Diskussion um einen Nachfolgestandard just zu einem Zeitpunkt, an dem sich DAB+ mehr und mehr durchsetzt, noch Sinn? Ein Gutachten der Landes­medienanstalten ist im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis gekommen, dass DAB+ im digital-terrestrischen Bereich eindeutig die beste Technik ist. Zwar gäbe es Technologien wie DRM+, mit der von UKW bekannte kleinzellige Sendegebiete besser abgedeckt werden könnten. Doch neben Geschäftsmodellen fehlt es hierbei an Endgeräten im Markt. Diese gebe es für das in Nord- und Mittelamerika angewendete System HD-Radio, das ebenfalls Digitalsignale auf UKW- und Mittelwellenfrequenzen aussendet, sich jedoch aufgrund der dichten Bandbelegung ohne komplette Neuordnung des UKW-Spektrums nicht in Europa realisieren lässt.

Auch das mobile Internet kann auf bisheriger Point-to-point-Basis, hohen Kosten für Verbraucher durch Highspeed-Volumina und technischen Problemen wie ausgelasteten Zellen und Problemen beim Funkzellenwechsel (Handover) kein Ersatz, sondern maximal eine Ergänzung sein. Und das für Fernsehen vorgesehene System DVB-T2 schätzt das Gutachten als wenig kosteneffizient für lokalen Hörfunk ein.

Broadcast-Lösungen mit 5G erst ab 2020 marktreif

Es gibt aktuell Versuche, die kommende Mobilfunkgeneration 5G broadcasttauglich zu machen. Hierfür müssen jedoch zunächst Fragen zur Wirtschaftlichkeit von gemischten Ausstrahlungsszenarien mit groß- und kleinzellularen Netzen sowie die Akzeptanz von Diensten im Rahmen von betriebsnahen Feldtests untersucht werden. Ferner sind weitere internationale Standardisierungsarbeiten zur vollständigen Abbildung der Rundfunkanforderungen, wie beispielsweise Free-to-air ohne SIM-Karte, Receive-only-Modus, großflächige Versorgung (High-power-high-tower) und einmalige Verbreitung der Hörfunkprogramme trotz mehrerer Netzbetreiber sowie weitere Entwicklungsarbeiten zur Erreichung der Marktreife notwendig. Vor 2020 rechnen Experten nicht mit ersten Ausstrahlungen für Konsumenten, zusammen mit Netzausbau-Strategien ist eine flächendeckende Verfügbarkeit vor 2025 nicht zu erwarten. Und ob 5G-Broadcasting so viele Vorteile gegenüber DAB+ gibt, außer vielleicht der Verfügbarkeit auf allen möglichen Endgeräten, also auch Smartphones und Tablets, ist mehr als fraglich.

Neuordnung der Rundfunklandschaft durch DAB+ ein Problem für den Lokalfunk

Wer DAB+ als Nachfolgesystem von UKW will, muss sich jedoch von alten und von UKW bekannten Parametern verabschieden. Viele Lokalradios haben Probleme damit, künftig nicht mehr alleine auf einer UKW-Frequenz nur eine Stadt zu versorgen, sondern im Rahmen eines großflächigen Multiplexes zusammen mit bis zu 15 Konkurrenten in einem Radius von bis zu 200 km hörbar zu werden. Was bei Internetstreams längst Realität ist – hier ist bekanntlich ein weltweiter Empfang des Programms möglich, akzeptieren die Veranstalter bei DAB+ nicht und wollen aufgrund hoher "Streuverluste" weiter nur im bisherigen Sendegebiet aktiv sein.

Es gibt jedoch möglicherweise auch für DAB+ Lösungsansätze. In der Schweiz oder Großbritannien laufen Versuche mit kleinzelligen DAB-Ensembles auf Open-Source-Basis mit Low-Power-Sendern, die es lokalen Anbietern ermöglichen ihre Programme kostengünstig über die digitale Terrestrik zu verbreiten. Auch in Deutschland soll 2016 erstmals ein solches Netz starten. Möglicherweise auch eine Lösung für den NRW-Lokalfunk, auch ohne gleich eine Nachfolgetechnik für DAB+ zu fordern.

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