Digital Radio

Politiker und Veranstalter üben einmal mehr Kritik an DAB+

IP Multicast könnte sich als Konkurrent in Europa entwickeln
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Quo Vadis, DAB+? Das digitale Radio findet in Deutschland nach Meinung von Politikern zu wenig Anklang.Quo Vadis, DAB+? Das digitale Radio findet in Deutschland nach Meinung von Politikern zu wenig Anklang. In den vergangenen Wochen gab es viele positive Meldungen zur Entwicklung des digital-terrestrischen Radios (DAB+) in Deutschland: Das Angebot an Empfangsgeräten ist auf über 150 angestiegen. Die günstigsten kompakten Empfänger gibt es schon zu Preisen ab 30 Euro im Online-Handel. Die Sender werden ausgebaut und auch das Programmangebot steigt. Gäbe es nicht immer wieder neue kritische Stimmen, könnte man meinen, DAB+ sei eine Erfolgsstory.

Noch viel zu wenig verkaufte Endgeräte

Ganz anders klang dies jedoch auf einem Symposium des Instituts für Europäisches Medienrecht (EMR) in Berlin. "Ich bin derzeit nicht der Überzeugung, dass es funktioniert. Wir haben alles getan. Wir sind nicht bereit, noch mehr zu tun", sagte Martin Stadelmaier, Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, laut dem Onlinemagazin Musikwelt auf einem der Panel zum digital-terrestrischen Radio. "Wenn DAB+ nicht funktioniert, müssen wir über eine Neuverteilung der UKW-Frequenzen nachdenken", so der Staatssekretär weiter. Entscheidendes Kriterium für das weitere Handeln sei "eine relevante Marktdurchdringung". Diese sehe der Privatfunkverband VPRT bei rund sechs Millionen verkaufter DAB+ Empfangsgeräte. Davon seien die bisherigen Absatzzahlen jedoch "weit entfernt". Laut jüngsten Schätzungen sind bislang rund eine halbe Million Geräte verkauft. Während die Verantwortlichen hinter dem digitalen Hörfunk mit diesen Zahlen zufrieden sind, reicht das der Politik offenbar bei weitem nicht aus. Stadelmeier moniert, dass bereits weit über 100 Millionen Euro an Gebührengeldern in DAB-Projekte geflossen seien.

Ins gleiche Horn bläst Rüdiger Oppers, der für die Lokalradios der WAZ-Gruppe auf dem Medienforum NRW sprach: "DAB ist ein Blindflug, der schon erstaunlich lange dauert". Kritische Stimmen monieren jedoch, dass die Töne gegen den digital-terrestrischen Hörfunk vor allem aus dem Lager der Veranstalter kommen, die an gut laufenden UKW-Privatradios beteiligt sind oder von Politikern, die diese am liebsten vor ungeliebter Konkurrenz schützen wollen.

Probleme hat der digitale Hörfunk jedoch nicht nur in Deutschland: Im benachbarten Frankreich haben laut einem Bericht des Branchenportals Radiowoche ausgerechnet die größten Hörfunkgruppen RTL, Lagardère, NRJ und NextRadio TV ihre Bewerbungen für DAB zurück gezogen. Grund sei ein fehlendes Geschäftsmodell – ein Kritikpunkt, den auch deutsche Privatradios immer wieder anbringen, wenn es um den digitalen Hörfunk geht. Außerdem seien die Kosten für den Netzaufbau zu hoch und nicht refinanzierbar.

IP-Multicast als Alternative zu DAB+?

Die Radiogruppen wollen statt dessen nun so genanntes IP-Multicast über Mobilfunk und DSL voran bringen. Hierbei wird nicht wie beim klassischen Internetradio eine Point-to-Point-Verbindung zwischen Server und Radiohörer aufgebaut, die mit jedem zusätzlichen Nutzer höhere Kosten verursacht. Bei Multicast besteht der Vorteil darin, dass gleichzeitig Hörfunk an viele Teilnehmer übertragen werden kann, ohne dass sich beim Sender die Bandbreite mit der Zahl der Empfänger multipliziert. Damit ist IP-Multicast mit klassischem Broadcast (UKW, DAB+) vergleichbar. Ein ähnliches Verfahren wendet die Deutsche Telekom bei ihrem IPTV-Angebot Entertain an.

Vorteil für die Hörfunkanbieter ist, dass sie vom Start weg über eine sehr große Reichweite verfügen. Im Prinzip könnte ein solches Radiobouquet via IP Multicast von allen Handys, Smartphones, Tablets, Internetradios, Media Receivern und anderen internettauglichen Endgeräten empfangen werden. Die Infrastruktur ist durch Mobilfunknetze und Breitbandkabel bereits vorhanden, ein Netz muss nicht erst in langwieriger Kleinarbeit aufgebaut werden. Nachteil für den Konsumenten ist jedoch im Vergleich zum klassischen Broadcast, das in jedem Fall ein Vertrag mit einem DSL-Anbieter oder einem Mobilfunkunternehmen nötig ist, um Zugang zum Hörfunkangebot zu bekommen. Außerdem müssten die Radioanbieter prinzipiell Verträge mit sämtlichen Netzbetreibern abschließen, was die Kosten wieder weit höher ausfallen lassen könnte als eine Verbreitung via DAB+.

Euronews will Radiosender in mehreren Sprachen starten

Trotz des Rückzugs der großen Radiogruppen sind bei der französischen Medienbehörde CSA mehr als 170 Bewerbungen für DAB eingegangen. Interessant ist, dass sich der pan-europäische Nachrichtensender Euronews hier mit einem mehrsprachigen Radioangebot beworben hat. Möglicherweise steht im Falle einer Lizenzierung sogar eine Ausdehnung auf den deutschen Markt auf der Agenda. Schon im vergangenen Jahr hat Euronews den Start eines Radioangebots in fünf bis sechs Sprachen angekündigt. Bisher war hierfür lediglich eine Verbreitung via Internet im Gespräch.

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