Digital-Radio

"Euro-Chip" soll Verkaufszahlen von Digitalradios steigern

Deutschlandradio und BBC wollen Lösung durchsetzen
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Ein DAB-Radio von PureEin DAB-Radio von Pure Bislang ist es zwar ein Achtungserfolg, aber noch nicht der große Durchbruch: Laut Prognose der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GfU) sollen in diesem Jahr rund 350 000 Digitalradios, die den Sendestandard DAB/DAB+ empfangen, in Deutschland über den Ladentisch gehen. Zusammen mit den verkauften Geräten aus dem vergangenen Jahr stehen damit schätzungsweise eine halbe Million Digitalradio-Empfänger in deutschen Haushalten. Privatradio-Veranstalter sehen eine relative Marktdurchdringung jedoch erst ab einer verkauften Zahl von rund sechs Millionen Geräten. Für viele Veranstalter ist DAB+ - trotz Fördergelder und Sponsoren - aktuell noch ein Verlustgeschäft, einige sind mit der bisherigen Entwicklung noch nicht zufrieden.

Einheitliche Lösung für ganz Europa

Eines der Probleme: Trotz stetig steigender Zahl an Empfangsgeräten hat die Mehrzahl der neu im Handel befindlichen Radios immer noch nicht die Möglichkeit, DAB+ zu empfangen. Vor allem Home-Receiver, Midi-Anlagen und andere stationäre Geräte haben zumeist nur UKW an Bord. Das Deutschlandradio und die BBC haben sich daher zusammengeschlossen, um gemeinsam die von der European Broadcasting Union (EBU) angeregte Einführung eines allgemeinen, europaweiten elektronischen Empfangs-Chips für Radiogeräte zu unterstützen. Weitere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten sollen sich nach Mitteilung der Sender daran anschließen. Der Chip soll neuen Radiogeräten den Empfang verschiedener Übertragungs-Standards ermöglichen, wovon nicht nur Radio-Nutzer, sondern auch Rundfunkveranstalter, Handel und Industrie europaweit profitieren würden.

Vorteil für die Hersteller sei, dass der "Euro-Chip" bei größeren Stückzahlen nur wenige Euro kostet. Damit sinkt einerseits das finanzielle Risiko der Hersteller bei Neuentwicklungen, andererseits profitiert auch der Endverbraucher, denn die Geräte könnten zu noch günstigeren Preisen (aktuell kosten die günstigsten Digitalradios rund 40 Euro) in den Handel kommen. Der Chip beinhalte ein bestehendes Set von Basiseigenschaften und -funktionen und damit eine Art Mindeststandard für alle neuen digitalen Rundfunkempfangsgeräte, der ursprünglich vom weltweiten Digitalradio-Konsortium WorldDMB entwickelt wurde. Er werde bereits produziert und gewährleiste die Kompatibilität aller neuen digitalen Radiogeräte innerhalb der europäischen Länder. Der Chip soll die Standards DAB, DAB+ oder DMB sowie analoges UKW (FM) und Mittelwelle (AM) beherrschen. WLAN-Internetradio gehört bedauerlicherweise nicht zu den Mindestanforderungen, kann aber optional von den Geräteherstellern in die Radios eingebaut werden. Denn auch hierfür gibt es inzwischen sehr günstige Chip-Lösungen.

Bayern: Lokaler Boom, landesweite Rückzieher

Dass die bisher noch nicht befriedigende Zahl an Hörern auch potenzielle Veranstalter beim Thema Digitalradio verunsichert, zeigt sich ausgerechnet im Digitalradio-Musterland Bayern: Der Bayerische Rundfunk (BR) will zum Jahresende einen Sendeplatz im bayernweiten Multiplex (Kanal 12D) aufgeben, bis zu drei Privatradios hätten die frei werdenden CUs einnehmen können. Vorgesehen war, dass die Bewerber einer landesweiten Ausschreibung aus dem vergangenen Jahr, die bisher nicht zum Zug gekommen sind, nun in den landesweiten Multiplex nachrücken. Doch aus den Kreisen der betroffenen Veranstalter ist zu hören, dass die monatlichen Kosten von über 10 000 Euro für den Multiplex im Vergleich zu den momentan potenziell erreichbaren Hörern noch viel zu hoch sind: Zuletzt hat der Sankt Michaelsbund, der ein Kirchenradio für Bayern plante, seinen Antrag zurückgezogen.

Trotzdem steigt das digital-terrestrische Angebot in Bayern: In den nächsten Wochen gehen zahlreiche, von der UKW-Skala bekannte Lokalradios, in München, Nürnberg, Augsburg und Ingolstadt auch digital via DAB+ auf Sendung. Das liegt einerseits daran, dass - im Vergleich zum landesweiten Multiplex - die Ausstrahlung in den lokalen Ensembles aufgrund der hohen Fördermittel vergleichsweise preisgünstig ist. Andererseits sind Verlängerungen der Sendelizenzen in Bayern an die Maßgabe geknüpft, dass die Programmveranstalter ihre Sender künftig neben UKW auch in DAB+ verbreiten müssen.

ARD baut Digitalradio weiter aus

Ungeachtet aller Probleme bauen die ARD-Anstalten ihr Engagement im Digitalradio weiter aus: Der Bayerische Rundfunk hat an den Standorten Pfaffenberg, Grünten, Ochsenkopf und Kreuzberg weitere Sendeanlagen für sein Digitalradio-Ensemble (Kanal 11D) in Betrieb genommen, weitere Sender sind bis Jahresende an den Standorten Büttelberg bei Rothenburg ob der Tauber und Pfänder (für die Bodensee-Region) geplant. Auch der Südwestrundfunk (SWR) will seine Reichweite erhöhen: Noch bis Jahresende starten leistungsstärkere Sendeanlagen an den Standorten Linz, Eifel (beide Rheinland-Pfalz, Kanal 11A), Witthoh und Pfänder (Bodenseeregion Baden-Württemberg, Kanal 8D).

Auch Radio Bremen steigt als letzte ARD-Anstalt ins Digitalradio ein: Anfang Februar 2013 sollen die Hörfunkprogramme digital empfangbar sein, wie der Branchendienst DX aktuell aus der ARD-Digitalradio-Koordination erfahren hat. Dabei beabsichtige man nicht nur hauseigene Wellen zu übertragen, sondern auch den WDR-Kinderkanal "KiRaKa".

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