Was ist eigentlich mit ...

Compuserve: Online-Dienst und Pionier des Internet-Zeitalters

Provider etablierte früh viele Internet-Neuerungen wie Chat und Foren
AAA

Compuserve: Online-Dienst und Pionier des InternetsCompuserve: Online-Dienst und Pionier des Internets Compuserve gehörte als Online-Dienst zu den Wegbereitern des Internets, fiel diesem dann allerdings schließlich zum Opfer. Wir schauen zurück auf eine interessante Geschichte, die bereits 1969 begann.

In Deutschland erinnern sich viele Internet-Nutzer nicht nur an Business-E-Mail-Adressen, die aus einer langen Nummer mit Komma in der Mitte und der Endung @compuserve.com bestanden, sondern auch an CDs mit Zugangssoftware zu dem stets als seriös geltenden Netz-Dienstleister. Das unterschied Compuserve im Übrigen von seinem US-amerikanischen Konkurrenten AOL, der die Nutzer mit Software-CDs förmlich zuschüttete und Compuserve schließlich aufkaufte. Heute erinnert außer einigen wenigen Portalen nur noch wenig an die lange Geschichte von Compuserve.

Anfänge schon 1969 als Business-Netzwerk

Was viele deutsche Internet-Nutzer nicht wissen ist, dass die Geschichte von Compuserve bereits im Jahr 1969 begann - nur sieben Jahre nach dem Arpanet, das als Vorläufer des heutigen Internets gilt. Eine Versicherungsgruppe aus Ohio vermietete unter dem Namen Compu-Serv Network Rechenleistung auf Großrechnern an Unternehmen, die sich selbst keinen Computer leisten konnten. An diesem starken Fokus auf Business-Kunden hat Compuserve bis zuletzt festgehalten.

Ab 1979 bot das Unternehmen erstmals E-Mail-Dienste für PC-Nutzer an - acht Jahre, nachdem die E-Mail in ihrer heutigen Form von Ray Tomlinson bei BBN in Cambridge/Massachusetts entwickelt worden war. 1980 folgte mit dem Echtzeit-Chat eine weitere Neuerung, die ihrer Zeit weit voraus war - das später weit verbreitete IRC-Netzwerk entstand erst in den späten 1980er Jahren. 1981 folgte ein Protokoll für den direkten Dateiaustausch.

Da die Übertragungsgeschwindigkeit im Netz verglichen mit heutigen Breitbandanschlüssen sehr langsam war, aber trotzdem der Wunsch wuchs, mehr als nur Text zu übertragen, entwickelte Compuserve 1987 ein eigenes Dateiformat für die Grafik-Komprimierung, das heute noch verwendete GIF-Format. Das "Graphics Interchange Format" komprimiert Bilder mit einer geringen Farbtiefe nahezu verlustfrei und erlaubt sogar eine Art "Serienbildfunktion" mehrerer Einzelbilder - das so genannte "animierte GIF". Internet-Nutzer der Schmalband-Zeit können sich an private Webseiten erinnern, die lange vor dem Youtube-Zeitalter mit heftigst zappelnden GIF-Bildern vollgepflastert waren.

Compuserve in Deutschland

Anfang der 1990er Jahre wagte Compuserve den Sprung nach Europa, 1991 erfolgte der Start in Deutschland. Dazu musste das Unternehmen ein Netz von Einwählknoten aufbauen, über die sich die Nutzer per Akustikkoppler, Modem oder ISDN einwählen konnten. Wer nicht im Vorwahlbereich eines Einwahlknotens wohnte, musste zusätzlich zu den Kosten des Online-Dienstes noch die Gebühren für ein Ferngespräch berappen.

1996 war es schließlich so weit: Compuserve wurde der weltweit kommerziell größte Online-Dienst. Viele Internet-Nutzer in Deutschland können sich daran erinnern, dass ab 1995 auf vielen PCs mit Windows 95 die Zugangssoftware von bis zu vier Onlinediensten vorinstalliert war: AOL und Compuserve waren dabei meist am auffälligsten platziert, später kam noch die Einwahlsoftware für den Btx-Nachfolger T-Online dazu. Für das zu spät gekommene "The Microsoft Network" als Zugangsprovider interessierte sich in Deutschland kaum jemand. Die Compuserve-Software wurde auch oft als Heftbeigabe mit Computerzeitschriften sowie mit Modems und ISDN-Karten geliefert - dieses Marketing hat dem Online-Dienst dank der versprochenen Gratis-Minuten viele (wenn auch nur kurzzeitige) Nutzer beschert. Eine Zugangssoftware gab es auch für den Mac und sogar für Linux.

Für viele kleine und mittelständische Unternehmer, die sich (noch) keine eigene Webpräsenz leisten konnten oder wollten, gehörte die eigene E-Mail-Adrese @compuserve.com auf der Visitenkarte eine Zeitlang zum guten Ton. Ab 1996 durften Compuserve-Nutzer als E-Mail-Name statt der kryptischen Nummer auch einen Alias verwenden. Der Online-Dienst bot in seinem geschlossenen Bereich speziell aufbereitete Angebote für Businesskunden wie Nachrichten, Börsenkurse und Analysen. Gerade bei der jüngeren Zielgruppe galt das Angebot trotz einer guten technischen Verfügbarkeit aber als eher uncool. Viele Compuserve-Angebote gab es mittlerweile gratis im freien Internet, lediglich die Nutzer-Foren waren noch legendär. So begann der langsame Abstieg des Online-Riesen.

Aufkauf durch AOL und langsamer Abstieg

Der traurige Rest: Login für die letzten Compuserve-Mail-NutzerDer traurige Rest: Login für die letzten Compuserve-Mail-Nutzer Als es absehbar war, dass Online-Dienste irgendwann vielleicht keinen echten Mehrwert mehr gegenüber dem Internet bieten werden, verkaufte Compuserve 1998 seinen Online-Dienst an AOL, den wichtigsten Konkurrenten. AOL war in diesem Jahr ohnehin in Kauflaune und übernahm auch noch die Browser-Schmiede Netscape. Dem Erfolg der Marken hat das allerdings nicht gedient - Compuserve verlor zusehends Nutzer, und zwar nicht an AOL, sondern an freie Internet-Provider. Immerhin konnten Compuserve-Nutzer ihre E-Mails ab 1998 auch über POP3 abrufen und damit ein separates Mailprogramm verwenden.

1999 erreichte das Unternehmen vor dem Landgericht München ein wegweisendes Urteil, das bis heute die Internet-Rechtsprechung prägt und als "Compuserve-Urteil" bekannt wurde: Diensteanbieter sind für fremde Inhalte, beispielsweise Foreneinträge, nur dann verantwortlich, wenn sie von diesen Inhalten Kenntnis haben und es ihnen technisch möglich und zumutbar ist, deren Nutzung zu verhindern.

Einer der ersten Compuserve-Services, der mit AOL zusammengeführt wurde, war der E-Mail-Dienst. Die neue Zugangssoftware "Compuserve 2000" integrierte unter der Bezeichnung "Compuserve Classic" zwar noch einige beliebte Anwendungen - doch mit dem Glanz der früheren Jahre war es zumindest im Europa-Geschäft vorbei. AOL schloss nach und nach die bis dahin immer noch beliebten, aber wirtschaftlich nicht rentablen Foren, was zur Folge hatte, dass ein Großteil der Nutzer dem Dienst den Rücken kehrte. Zum 31. Juli 2008 kündigte der Dienst allen rund 11 000 noch verbleibenden deutschen Nutzern, was auch den Verlust der Compuserve-Mailadresse zur Folge hatte. Als Alternative empfahl das Unternehmen in Deutschland Alice, das damals noch zu HanseNet gehörte. "CompuServe Classic", das in den USA gehostet war, überlebte noch bis zum 6. Juli 2009. Die letzten in den USA genutzten Mailadressen wurden auf ein neues System übertragen.

Die Domain compuserve.de nutzt der Eigentümer AOL momentan nicht, unter compuserve.com findet sich noch ein recht belangloses Portal. Der dortige Link "Compuserve Mail" für die letzten US-Nutzer leitet allerdings zum gemeinsamen Webinterface von AOL Mail weiter.