Auslaufmodell?

Festnetz: Call-by-Call-Anteil sinkt, Pre-Selection verschwindet

Siegeszug der Wettbewerber bei Vollanschlüssen bewirkt Marktbereinigung
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Prof. Dr. Torsten J. Gerpott, Gründungsgesellschafter des Beratungsunternehmen Dialog Consult GmbH und Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmens- und Technologieplanung mit dem Schwerpunkt Telekommunikationswirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, stellte mit der TK-Marktanalyse 2010 des VATM einige interessante Zahlen zum Call by Call im Festnetz vor.

Von 2005 bis heute ist der Anteil von Call by Call von 51,7 Prozent auf 15,4 Prozent quasi implodiert, während das gesamte Marktvolumen von 286 auf 397 Millionen Minuten pro Tag gestiegen ist. In absoluten Zahlen ist die Anzahl der Gesprächsminuten von 148 Millionen Minuten pro Tag auf 61 Millionen Minuten gesunken. Der Anteil von Pre-Selection sank im gleichen Zeitraum von 24 Prozent (70 Millionen Minuten) auf 5 Prozent (18 Millionen Minuten) pro Tag.

Gerpott: "Call by Call langfristig bei 10 Prozent - Pre-Selection dürfte verschwinden."

Prof. Gerpott berichtet über sinkende Marktanteile von Call by Call und Pre-Selection.Prof. Gerpott berichtet über sinkende Marktanteile von Call by Call und Pre-Selection. Auf die Nachfrage von teltarif.de, ob eine generelle Verpflichtung aller Anbieter zu Call by Call (derzeit muss nur die Telekom Deutschland diese Sparmöglichkeit anbieten), den Markt beleben könnte, erwiderte Gerpott, dass das nur noch eine kurzzeitige Belebung bringen dürfte. Langfristig erwartet Gerpott einen Anteil von Call by Call im Festnetz von etwa 10 Prozent, weil doch eine gewisse Menge preissensibler Kunden genau auf den Preis achten würden. Pre-Selection hingegen, so Gerpott weiter, dürfte langfristig verschwinden.

Zu Beginn der Regulierung im TK-Markt war eigentlich vorgesehen gewesen, dass alle Netzbetreiber Call by Call anbieten sollten. Da aber nicht alle meist kleineren Netzbetreiber miteinander direkt verschaltet sind, hätte man so eine weitere Komponente "Transit"-Interconnect einführen müssen. Wenn beispielsweise ein Kunde von Arcor (heute Vodafone) Call by Call über 01030 (damals TeldaFax) hätte machen wollen, hätte gegebenenfalls eine kostenpflichtige "Überbrückung" über die Telekom geschaltet werden müssen.

Eine Zeitlang bot die Telekom Kunden anderer Anbieter auf Wunsch Call by Call unter der Vorwahl 01033 an, viele Teilnehmernetzbetreiber hatten seinerzeit diese Vorwahl freigeschaltet. Genutzt wurde es praktisch aber kaum und daher eines Tages eingestellt.

Inzwischen ist die Zahl der Komplettanschlüsse (Telefon und Internet aus einer Hand) bei den Wettbewerbern der Deutschen Telekom von 3,4 Millionen in 2005 auf 15,1 Millionen in diesem Jahr gestiegen. Genau mit diesen Anschlüssen ist aber wie beschrieben Call by Call technisch nicht mehr möglich. Ebenso sind auch in vielen Tarifen bei der Deutschen Telekom Flatrates für die Festentztelefonie enthalten, weswegen die Neigung und das Interesse an Call by Call speziell bei innerdeutschen Verbindungen stark gesunken ist. Kunden von alternativen Netzbetreibern können sich übrigens mit Callthrough-Diensten behelfen, die häufig bei Auslandstelefonaten eine günstige Alternative anbieten.

ISDN schmilzt, VoIP und Kabeltelefonie auf dem Vormarsch

Schalteten die Wettbewerber 2005 noch 76 Prozent der Anschlüsse im ISDN-Standard geschaltet, ist der Anteil 5 Jahre später auf 33 Prozent gesunken. Neu im Rennen sind nun Voice over IP mit 34 Prozent der bei den Wettbewerbern geschalteten Anschlüsse und Kabeltelefonie mit 20 Prozent.

Die Anschlusszahlen bei der Deutschen Telekom sanken von 2005 bis heute von 35,2 Millionen auf 24,9 Millionen. Der DSL-Anteil, der direkt bei der Telekom bezogen wird, sank hingegen nur leicht von 47 Prozent auf 44,9 Prozent (2005 bis 2010). Bei den DSL-Wechslern ist die Telekom hingegen erfolgreich und kann zwei von drei Kunden für sich gewinnen. In absoluten Zahlen bedeutet dies einen Netto-Zuwachs von 600 000 DSL-Anschlüssen für dieses Jahr.

Schaut man sich die Zahl der Arbeitsplätze seit Beginn der Liberalisierung im Jahr 1998 an, so baute die Deutsche Telekom von knapp 180 000 (1998) auf derzeit rund 125 000 Mitarbeiter ab. Zur gleichen Zeit stiegen die Stellen bei den privaten Anbietern von 43 000 auf 61 500 (im Jahre 2001) und sanken wieder auf 55 500 Mitarbeiter. Hierbei sind die Angestellten der TV-Kabel-Netzbetreiber nicht berücksichtigt. Die privaten Anbieter konnten also nur einen sehr geringen Anteil der rund 55 000 verlorenen Arbeitsplätze der Telekom kompensieren. Das ist die Kehrseite der Medaille.

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