Was ist eigentlich mit ...

Btx: Bildschirmtext war 1983 der erste deutsche Online-Dienst

Online-Shopping, Chat und Banking lange vor dem heutigen Web
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Btx war 1983 der erste deutsche Online-DienstBtx war 1983 der erste deutsche Online-Dienst Langsam tröpfelnde Daten, pixelige Darstellung: Bei der Erinnerung an den Bildschirmtext als ersten deutschen Online-Dienst bekommen Fans heute noch feuchte Augen. Btx brachte erstmals Online-Shopping sowie Online-Banking und lebte trotz World Wide Web länger als geplant.

Die in den 1970er Jahren vorhandenen Computernetzwerke verbanden praktisch ausschließlich Großrechner miteinander, die beispielsweise in Universitäten oder öffentlichen sowie wissenschaftlichen beziehungsweise militärischen Einrichtungen standen. An eine Internetnutzung zuhause dachte lange niemand. Auch den schon 1969 gegründeten US-amerikanischen Onlinedienst Compuserve konnten sich praktisch nur Business-Kunden leisten. Die Deutsche Bundespost stellte als einer der ersten europäischen Telefonnetzbetreiber Btx bereits auf der IFA 1977 vor. Bis zur Freischaltung dauerte es dann nochmals sechs Jahre.

Online 1983: Pixelige Grafik wie Videotext und Datenrate von 1200 Bit/s

Nach mehreren Feldversuchen und einem offiziellen Staatsvertrag der damaligen Bundesländer war es am 1. September 1983 endlich so weit: Zur IFA ging Btx als erster Deutscher Online-Dienst ans Netz. Nutzbar war der Dienst beispielsweise über spezielle BTX-Teminals (ab 2 000 DM Anschaffungspreis), die in öffentlichen Einrichtungen wie Behörden oder Flughäfen standen. Wer den Dienst zuhause nutzen wollte, musste ursprünglich ein entsprechendes Zugangsgerät dazu bei der Post kaufen oder mieten, was viele Nutzer abschreckte. Die Bildausgabe erfolgte entweder an einem Computermonitor oder auf dem Röhrenfernseher. Die Auflösung betrug maximal 480 mal 250 Bildpunkte - eine Darstellung echter Grafiken gab es nicht. Bildhafte Darstellungen wurden - wie beim Videotext - einfach aus farbigen Zeichen zusammengesetzt. Jede Btx-Seite wurde durch einen Code aufgerufen, der aus einer Nummer mit vorangestelltem * und abschließendem # bestand. Auch die Navigation zwischen verschiedenen Unterseiten erfolgte per Ziffern- und Zeicheneingabe - Computer-Mäuse waren noch nicht verbreitet.

Telefon-Modems waren in der Anfangszeit praktisch unbezahlbar, deswegen nutzten viele private Anwender einen Akustikkoppler, in den der Telefonhörer gelegt werden musste, damit die in ein akustisches Signal umgewandelten Daten transportiert werden konnten. Zu Beginn betrug die Btx-Geschwindigkeit 1200 Bit/s. Später gab es diverse (wegen des Postmonopols nicht immer legale) Btx-Clients für einige Computer-Betriebssysteme, beispielsweise für den legendären C64.

Das Angebot: Der Beginn von Online-Firmenseiten, -Shopping und -Banking

Die Preise der Bundespost für BtxDie Preise der Bundespost für Btx Btx-Nutzer konnten über einen Chat miteinander diskutieren und Informationen über Unternehmen und Behörden herunterladen. Neben dem kostenfreien Abruf konnten Firmen auch Geld für ihre Angebote verlangen. Die Bezahlung über die Telefonrechnung erfolgte entweder pro Seite (1 Pfennig bis 9,99 DM) oder pro Minute (1 Pfennig bis 1,30 DM). Dazu kamen eine Anschlussgebühr und eine monatliche Grundgebühr. Besonders aktiv in Btx waren Reiseanbieter wie die Deutsche Bundesbahn oder Fluggesellschaften und die klassischen Versandhäuser, die ihre Kunden erstmals zum Online-Shopping einluden. Auch Nachrichtenmedien etablierten erste Newsportale und es gab Softwareprogramme zur Ansicht (!) - abtippen musste der Nutzer den Code vom Bildschirm allerdings selbst. Erste Banken wie die Sparkassen-Gruppe ermöglichten Bankgeschäfte über Btx - das Online-Banking war geboren.

In der kürzlich kostenlos online bereitgestellten Erstausgabe der c't fragten sich die Redakteure 1983 noch verunsichert, ob sie auf einer Messe wie der IFA überhaupt am richtigen Platz seien, schrieben dann aber trotzdem einen heute noch lesenswerten fünfseitigen Artikel zum Onlinedienst Btx, in dem sie die Technik und Bedienung vorstellten. "Bildschirmtext steht erst am Anfang seiner Möglichkeiten", fassten die damaligen Kollegen ihren Bericht zusammen; eine 16-seitige Werbebroschüre hat ebenfalls überlebt.

Btx-Hack und überraschend verlängerte Lebenszeit trotz WWW

Die Experten vom Chaos Computer Club waren alsbald daran interessiert, den Bildschirmtext auf Schwachstellen zu untersuchen - die Post hatte das System selbstverständlich als "sicher" propagiert. Im "heute journal" des ZDF zeigten die Hacker im November 1984, dass es möglich ist, durch einen Datenüberlauf im System an Kundendaten der Hamburger Sparkasse zu kommen (Video). Damit transferierten die Experten in einer Nacht über einen regulär aufgerufenen Btx-Dienst testweise 135 000 DM auf das Vereinskonto. Dies führte zu technischen Änderungen der Post, zur Gründung des "Chaos Communication Congress" und zur Mitarbeit des Vereins am Datenschutzgesetz.

Der Siegeszug des World Wide Web ab 1991 war zwar der Anfang vom Ende des Bildschirmtextes, brachte aber nicht das sofortige Aus. Nachdem immer mehr Nutzer und Anbieter ins Web gewechselt waren, stellte die Telekom den seit 1995 "T-Online" genannten Dienst zugunsten eines reinen Web-Zugangs zum Jahresende 2001 ein. Doch im Bereich des Online-Bankings war das System mittlerweile so sicher und galt als praktisch unknackbar, dass die Telekom es für Bankengruppen wie die Sparkassen bis 2007 als technische Basis für das Online-Banking weiter betreiben musste. Viele Banken hatten nämlich noch keine sicheren Standards entwickelt, um Banking browserbasiert anbieten zu können. So durften sich Sparkassenkunden mit der nicht immer ganz absturzsicheren T-Online-Software noch sechs Jahre lang "vergnügen" - und dabei immer wieder einmal einen Blick auf die alte, zeichenbasierte Ansicht des Btx-Protokolls CEPT werfen.

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