Entladung

Editorial: Wenn es in der Wolke donnert

Die Gefahren der Verlagerung von Daten und Diensten ins Netz
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Gewitter in der CloudGewitter in der Cloud Immer mehr persönliche Daten werden auf Internet-Servern von einschlägigen Dienstleistern gespeichert: Die Freundesliste auf Facebook. Die E-Mails auf gmx.de, Gmail oder den Blackberry-Servern. Die Digitalfotos in öffentlichen und privaten Ordnern auf Flickr. Während die vorgenannten Daten jeweils vom Nutzer aktiv online angelegt oder hochgeladen wurden, sorgt die Tendenz von immer mehr Unternehmen zur online-Rechnungsstellung dazu, dass sich entsprechende Datendepots ansammeln, weil die Nutzer die regelmäßigen Rechnungen nicht auf ihren Rechner runterladen und dort archivieren. So liegen dann die Telefonrechnungen bei der Telefonfirma, die Stromrechnungen beim Stromanbieter, die Konto- und Depotauszüge bei der Bank. Und schließlich gibt es noch die stark wachsende Zahl an Anbietern virtueller Festplatten, die gleich die Virtualisierung aller Daten empfehlen.

Die Vorteile der online-Datenhaltung sind vielfältig: Von überall Zugriff, wo es Internet gibt, keine Sorgen mit der Synchronisation der Datenbestände verschiedener Geräte, gesichertes Backup. Oft sind auch detaillierte Auswertungen und Verknüpfungen der Daten möglich: Aktivitäten der Freunde auf Facebook, Suche über alle E-Mails auf Gmail, Auswertungen über den Anlageerfolg beim Depotanbieter.

Die Nachteile der online-Datenhaltung stehen nicht im Pflichtenheft und bestehen überwiegend in Form von Gefahren: Server können ausfallen, Hacker können sich Zugang verschaffen, Firmen können bankrottgehen oder vormals kostenlose Konten in kostenpflichtige umwandeln. Auch eine einfache Vertragskündigung kann Daten im Nirwana verschwinden lassen: So manche Telefonfirma schaltet zum Kündigungstermin nicht nur den Festnetz- bzw. Mobilfunkanschluss ab, sondern auch gleich den Download-Server für die Rechnungen. Dumm nur, wenn die Abschlussrechnung dennoch weiterhin online bereitgestellt wird.

Mehrere Tage ohne E-Mail

Die professionelle Administration von online-Datenbeständen soll dafür sorgen, dass Ausfälle selten sind. Leider ist dem nicht immer so. Die schiere Menge an Daten oder die oben genannten Auswertungs- und Verknüpfungsfunktionen bringen im Vergleich zur persönlichen Einzeldatenhaltung zahlreiche zusätzliche technische Schwierigkeiten mit sich, die vom Admin-Team gemeistert werden müssen. Hat dieses ob der vielen Aufgaben, Personalmangel und/oder wirtschaftlichen Drucks erst mal den Überblick verloren, droht der Kollaps durch "weiche" Fehler: Platte voll, Prozessor überlastet, Netzwerk saturiert.

Oder die Systemkonfiguration wird so komplex, dass Ausfallrisiken nicht mehr erkannt werden, und schon der Ausfall eines rein peripheren Systems über Folgefehler auch die Primärsysteme lahmlegt. Zum Beispiel waren viele Hosting-Angebote von 1&1 vor zweieinhalb Wochen stundenlang gestört. Schuld war eine Software, die ausgehend vom Inhalt einer Datenbank die diversen Router konfiguriert, über die die Datenströme der zahlreichen Web-Server geleitet werden. Die Datenbank fiel aus. Statt nun einfach die Konfiguration der Router unverändert zu lassen (dann wäre wahrscheinlich nur die Einrichtung neuer Server bei 1&1 gestört gewesen) hat die genannte Software jeweils eine leere Konfiguration in die Router geschrieben, und so auch die bestehenden Server vom Internet getrennt.

Zum Glück ist es meist leichter, einen Fehler zu beheben, als ihn zu antizipieren. Und so kann das Admin-Team, das eine drohende Gefahr nicht erkannt hat, dennoch meist den dadurch bedingten Fehler binnen einiger Stunden beheben. Doch auch hier gibt es Ausnahmen: Beim Research in Motion/Blackberry war diese Woche ausgerechnet der Kerndienst E-Mail drei Tage lang instabil. Die lange Zeit des Ausfalls lässt auf eine schon lange andauernde Überlastungssituation beim Admin-Team schließen, in der nur noch das nötigste gemacht wurde und/oder hektisch an neuen Diensten gearbeitet wurde, während die bestehenden degenerierten.

Daten auf Wanderschaft

Auch wenn der Chef sich persönlich per Video-Botschaft entschuldigt: Viele Kunden werden Blackberry jetzt den Rücken kehren. Das macht die wirtschaftliche Situation für die Kanadier sicher nicht einfacher. In solchen Situation verlassen dann oft die besten Mitarbeiter zuerst das "sinkende Schiff". Zurück bleibt ein vollkommen überfordertes Technik-Team; der nächste langdauernde Ausfall erscheint geradezu vorprogrammiert.

Wird erst mal öffentlich ruchbar, dass der Stern eines Cloud-Anbieters in der genannten Weise am Sinken ist, droht also sofort der sich selbstverschärfende Massen-Exodus der Kunden, die ihre Daten in Sicherheit bringen. Genauso, wie Anleger seit einigen Jahren aus Griechenland-Anleihen fliehen. Nur, dass es wahrscheinlich keine "Daten-Rettungsschirme" für in Schieflage geratene Cloud-Dienstleister geben wird: Da sich Daten, anders als Geld, beliebig kopieren lassen, wird kein Datendienstleister jemals so viel "Systemrelevanz" erreichen, dass er auf Kosten des Steuerzahlers dauerhaft "gerettet" wird.

Für die Eigentümer der Daten heißt dieses: Während die "Wolke" zwar kurzfristig im Vergleich zu einer Festplatte ohne Backup die geringere Gefahr des Daten-Totalverlustes trägt, ist diese Gefahr mittel- bis langfristig eher höher. Der Anwender kommt somit um die persönliche Datenhaltung - inklusive regelmäßigem Backup - nicht herum.

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