All-IP

Editorial: Sprachdienst, kaputt

Die Umstellung auf zentrale VoIP-Server reduziert die Zahl der Komponenten und somit die Zahl der Ausfälle. Dafür sind im Fall des Falles immer mehr Kunden betroffen! Welche Wege gibt es aus diesem Dilemma?
Kommentare (108)
AAA
Teilen (32)

Umstellung auf zentrale VoIP-Server bringt nicht nur VorteileUmstellung auf zentrale VoIP-Server bringt nicht nur Vorteile Es ist nicht lange her, da machten Tk-Unternehmen 90 Prozent oder noch mehr ihrer Umsätze mit einem Dienst: Sprachtelefonie. Inzwischen haben die Datendienste, allen voran der Zugang zum Internet, umsatzmäßig aufgeholt und in vielen Fällen gar überholt. Zugleich sind die Umsätze mit Sprachtelefonie stark rückläufig, dank immer zahlreicherer Minutenpakete und Flatrates. Die fatale Folge: Der Sprachdienst wird damit in den Augen vieler Anbieter zum nur noch nebensächlichen Anhängsel, zur reinen Pflichterfüllung, die man so lange noch weiterbetreibt, wie die Kunden noch danach verlangen. Groß investiert wird in diesen Dienst nicht mehr.

Obwohl moderne Elektronik immer leistungsfähiger und zuverlässiger wird, sinken beim Sprachdienst Qualität und Zuverlässigkeit. VoIP und NGN haben so gut wie immer höhere Verzögerungen, oft größeren Paketverlust und oft auch höhere Ausfallraten als das über zwei Jahrzehnte alte ISDN. Selbst da, wo Verbesserungen eingeführt werden, erfolgen diese oft genug punktuell und halbherzig. So gibt es bei der Deutschen Telekom inzwischen HD Voice sowohl im Mobilfunk, als auch bei All-IP-Anschlüssen im Festnetz. Zwischen diesen beiden Netzen kann dennoch nicht mit der verbesserten Sprachqualität telefoniert werden, und auch im ISDN-Netz ist HD Voice nicht freigeschaltet, obwohl es rein von den technischen Voraussetzungen dort ebenfalls möglich wäre.

Zentrales Ausfallrisiko

Die Strategie, den Internet-Dienst an erste Stelle zu setzen, führt zwangsläufig dazu, dass sich das Ausfallrisiko für den Telefonie-Dienst erhöht: Schließlich bringt jeder Ausfall des Datendienstes den Telefoniedienst mit zum Erliegen. Hinzu kommt - wie bisher - die Gefahr, dass der Sprachdienst selber ausfällt. Dabei konzentriert sich in einem All-IP-Netz der Sprachdienst auf vergleichsweise wenige Server, die das Einbuchen der Endgeräte und den Aufbau und Anrufen kontrollieren. Die eigentliche Sprachübertragung erfolgt hingegen meistens direkt zwischen den Endgeräten über das Datennetz. Durch die starke Reduktion der Zahl der Systeme können die Tk-Unternehmen mit VoIP- oder NGN-Sprachdiensten kräftig sparen.

Die kleine Zahl an zentralen Anmelde- und Rufaufbau-Servern bewirkt aber, dass bei Hard- oder Softwaredefekten an einem dieser Server eine vergleichsweise große Zahl von Kunden betroffen ist. Dabei sind harte, plötzlich auftretende Hardware-Defekte meist noch das geringste Problem: Wird ein Server aufgrund eines Netzteil-Defekts schlagartig stromlos, dann wird meist automatisch binnen Sekunden auf einen Ersatz-Server umgeschaltet. Braucht eine alternde Festplatte hingegen zehnmal so lange wie bisher, um einen Sektor zu finden, dann erfolgt unter Umständen keine automatische Umschaltung (die Platte liefert ja noch Daten!), aber die nun reduzierte Performance reicht nicht mehr aus, um alle Anfragen von Endgeräten in angemessener Zeit zu beantworten. Der immer größere Rückstau an offenen Anfragen bewirkt am Ende, dass keiner der über diesen Server verwalteten Kunden mehr telefonieren kann.

Konfiguriert man das Failover, die Übernahme eines Dienstes von einem langsamen oder ausgefallenen Server zum nächsten, hingegen zu streng, drohen selbstgemachte Fehlerkaskaden wie in folgendem Szenario: Ein zufälliger Ansturm von Anrufen zwingt Server 1 in die Knie. Server 2 muss übernehmen. Dadurch brechen die von Server 1 noch vermittelten Anrufe zusammen. Die Kunden wählen erneut und überlasten nun auch Server 2. Wenige Sekunden später übernimmt Server 3 und bricht ebenfalls zusammen. Einige Minuten später kommt Server 1 wieder hoch, und das Spiel beginnt von vorne.

Je mehr Server der Betreiber einsetzt, desto weniger Kunden werden vom Ausfall eines einzelnen Systems beeinträchtigt, und desto öfters sind die Administratoren mit Ausfällen konfrontiert, die nicht automatisch kompensiert werden können. Entsprechend bekommen sie Übung im Erkennen der Ursachen und dem Einleiten geeigneter Gegenmaßnahmen. Auf der anderen Seite kosten der Betrieb und die Administration von mehr Servern auch mehr Geld!

Kundenmigration

Die Gründe, warum die letzte VoIP-Störung bei der Telekom so große Kreise zog, dass Kunden in den letzten Tagen immer wieder stundenlange Ausfälle des Sprachdienstes hinnehmen mussten, sind noch nicht bekannt. Die im vorgenannten Abschnitt aufgeführten Szenarien sind daher nicht mehr als Beispiele, was passiert sein könnte.

Real ist hingegen der Ärger der Kunden, die wiederholt nicht telefonieren konnten. Viele von Ihnen haben sicher während des Ausfalls Skype und andere VoIP-Apps auf PC und/oder Smartphone installiert, und als Ersatz verwendet. Und nicht wenige Kunden werden festgestellt haben, dass die Tk-Apps für ihre Zwecke sogar besser und/oder günstiger sind als die klassische Telefonie: Videotelefonie, kostenlose internationale Telefonate, eingebauter Messenger. Die Liste der Vorteile ist lang. Wenn aber Kunden für einen Teil oder alle ihrer Anrufe auf die App-Konkurrenz umstellen, sinken die Telefonie-Erlöse bei den Tk-Anbietern weiter. Der Kostendruck nimmt also weiter zu.

In Zuschriften und Forenbeiträgen äußern auch zahlreiche Leser mit herkömmlichem Analog- oder ISDN-Anschluss ihre Angst vor der bevorstehenden Migration auf All-IP-Anschlüsse. Die Telekom sollte genau erforschen, was diese Kunden benötigen. Stellt sich heraus, dass All-IP-Anschlüsse tatsächlich nicht den Bedürfnissen aller Kunden gerecht werden, dann sollte sie ernsthaft prüfen, ob sie nicht das herkömmliche ISDN-Telefonnetz weiterbetreiben kann. Natürlich verursacht das bei ihr zusätzliche Kosten. Andererseits werden viele Kunden, denen der Sprachdienst besonders wichtig ist, oder die ihren bestehenden Anschluss nicht umstellen wollen, bereit sein, einen Aufpreis zu bezahlen.

Teilen (32)

Weitere Editorials