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Print 2.0: Internet-Zeitung für Offline-Leser

24.09.2008
14:02

Gießener Zeitung druckt Internet-Ausgabe als Papier-Version


Der Weg der modernen Zeitung ist zunehmend zweigleisig. Aus dem reinen Printmedium sind in vielen Verlagshäusern Internet-Ableger entstanden, die sich allmählich nach anfänglichen Schwierigkeiten zu wirtschaftlich aussichtsreichen Geschäftsmodellen entwickelt haben. Ein ungewöhnliches Konzept steckt dagegen hinter der neuen Gießener Zeitung: Das seit Anfang September im Internet erscheinende Blatt, das zu einem Großteil nur aus den Artikeln seiner Leser besteht, wird gleichzeitig ganz altmodisch als "Best of"-Version auf Papier gedruckt. Experten und die Konkurrenz betrachten das bislang einzigartige Projekt mit Zurückhaltung.

Die Leser schreiben zunächst auf einer Internetseite ihre Texte. Die besten davon kommen in die zweimal pro Woche erscheinenden Druckausgaben. Angereichert werden die Blätter mit Texten professioneller Journalisten. Die Zeitung wird mittwochs und samstags in einer Auflage von 125 000 an alle Haushalte im hessischen Landkreis Gießen verteilt - kostenlos. Zu lesen sind darin Berichte, die den Bürgern selbst ein Anliegen sind. Zum Beispiel, dass das Dörfchen Queckborn wieder einen Mini-Supermarkt hat, oder dass der Star des örtlichen Tanzvereins seine Liebste vor den Altar geführt hat.

"Unser Arbeitstitel war: Print 2.0", sagt Steffen Schindler, Geschäftsführer der Hitzeroth Druck und Medien aus Marburg (Herausgeber der Oberhessischen Presse) und Verleger der neu geschaffenen Gießener Zeitung. Gemeinsam mit dem Druck- und Pressehaus Naumann (Gelnhausen) waren die Marburger auf der Suche nach neuen Wegen für ihre Häuser. "Wir haben uns gefragt: Wie sieht die Zukunft der Zeitung aus - und zwar unabhängig vom Abo." Ergebnis der Überlegungen: "Wir wollten eine Mitmach-Zeitung", sagt Schindler.

Alle Leser dürfen mitmachen

60 Prozent der Texte werden von Bürgerreportern gemacht, 40 Prozent von zwei festangestellten Redakteuren und einem freien Mitarbeiter. "Wir besetzen eine Nische, die deutlich oberhalb eines Anzeigenblattes liegt, aber unterhalb der Tageszeitung", erläutert Schindler. Das Mitmachen ist einfach. "Jeder Leser kann sich im Internet als Bürgerreporter registrieren. Er muss allerdings Kontaktdaten angeben, unter denen wir ihn erreichen können." Die werden gebraucht, um zu kontrollieren, dass die Berichte stimmen. Bis Mitte September hatten sich laut Schindler bereits mehr als 400 Bürgerreporter registriert, davon viele im Alter über 50 Jahre.

Die Branche beurteilt den Vorstoß in Gießen unterschiedlich. Der Berliner Medienwissenschaftler Stefan Krempl ist von der Rückkehr aus dem Internet zum Papier nicht überrascht. "Es ist zu erwarten, dass die Medien irgendwann alle miteinander verknüpft werden", sagt Krempl. "Das macht auch Sinn, denn man erreicht damit eine größere Zielgruppe." Krempl sieht für gedruckte Ausgaben von Internet-Zeitungen durchaus eine Zukunft. "Weil in der Zeitung nur begrenzt Platz ist, findet eine Auswahl statt. Das ist gut so, denn nicht jeder Mensch hat Zeit, täglich tausende Seiten und Blogs im Internet zu durchforsten."

In Gießen selbst konkurriert das neue Blatt mit zwei traditionsreichen Tageszeitungen und zwei Anzeigenblättern. Die Gießener Allgemeine ist seit über 60 Jahren in der Region. "Hier wird der Versuch unternommen, mit möglichst geringen Ausgaben ein Anzeigenblatt aufzubauen", sagt Verleger Christian Rempel. Das sei "hochgradig ärgerlich", weil auf dem ohnehin umkämpften Werbemarkt in der Region der Preisdruck weiter zunehme. "Publizistisch können wir dem allerdings nichts abgewinnen", meint Rempel.

Sorge um Qualitäts-Standard

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken, sieht die Entwicklung hin zu immer mehr Bürgerreportern mit Sorge: "Das hat für mich nichts mit Qualität zu tun. Die Sorgfaltspflicht, die ein Journalist lernt, kann ein Bürger einfach nicht drauf haben." Bürger-Artikel in Druckversion hält Konken sogar für noch gefährlicher als Texte im Netz: "Im Internet weiß man mittlerweile, dass nicht alles unbedingt so stimmt, wenn es nicht gerade von einem anerkannten Medium veröffentlicht wird. Wenn ich das abdrucke, ist das wie ein Signal: Ich kann als Leser annehmen, dass es richtig ist."

Der Verlag Axel Springer allerdings setzt schon seit längerem unter anderem auf die "Bild-Leserreporter", die aus dem In- und Ausland Fotos schicken. Zwar will man bei Springer wie auch in anderen großen Verlagshäusern das Modell der Gießener Zeitung nicht kommentieren. Pläne für eine ähnliche Mitmach-Zeitung habe man nicht, sagt ein Sprecher der Bild-Gruppe.

Die Macher der "Gießener Zeitung" betonen, dass sie der traditionellen Tageszeitung keinesfalls den Kampf angesagt haben. "Ich glaube fest an die Tageszeitung, auch im Lokalen", sagt Schindler. "Die Gießener Zeitung ist ein Zusatzangebot - oder aber eine Alternative für Leute, die sonst gar nicht Zeitung lesen."

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