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Editorial: Browserkrieg 2.0

07.09.2008
16:44

Mehr Wahlmöglichkeiten - mehr Überwachung

Das Medienecho war gewaltig, als letzte Woche erste Gerüchte über einen eigenen Browser von Google auftauchten und der Suchmaschinen-Gigant tatsächlich kurz später den Chrome genannten Browser zum Download anbot. Vielerorts wurden die hohe Geschwindigkeit, die einfache Installation, das schlanke und aufgeräumte Menü und schließlich die Incognito-Funktion zum Surfen ohne Datenspuren auf dem eigenen Rechner gelobt.

Allerdings ist Chrome mitnichten ein komplett neuer Browser. Zwar ist das Frontend neu, jedoch arbeitet unter der Haube die vom Safari-Browser bekannte HMTL-Render-Bibliothek WebKit. Apple hatte mit der Entwicklung von WebKit vor einigen Jahren auf Basis der KHTML-Bibliothek des Browser "Konqueror" begonnen. Konqueror ist wiederum der Standardbrowser von KDE, einem Linux-Desktop. Aufgrund dieser Historie ist der Programmcode von WebKit und KHTML ebenso frei verfügbar wie der von Gecko, der vom Firefox bekannten Render-Bibliothek.

Die Gründung auf WebKit brachte Chrome bereits kurz nach dem Start ins Zwielicht, da alte und eigentlich bereits behobene Safari-Sicherheitslücken wieder auftauchten. Dennoch ist Googles Chrome mehr als nur "alter Wein in neuen Schläuchen". Er markiert den Beginn eines Trends, dass große Webanbieter ihre Portale mit einem eigenen Browser kombinieren. Während es zu Zeiten von Web 1.0 vor allem die großen Zugangsanbieter wie T-Online oder AOL waren, die in ihrer Zugangssoftware auch einen eigenen Browser integrierten, sind es beim Web 2.0 nun die Websites selber, die sich per angepasstem Browser aufwerten.

Portale wie Yahoo.com, soziale Netzwerkseiten wie Facebook oder Myspace und Internethändler wie ebay oder Amazon könnten bald dem Trend zum eigenen Browser folgen. Alle könnten auf diesem Weg Mehrwerte auf den Desktop des Nutzers bringen, sei es durch eine übersichtlichere Anordnung der vielen Inhalte bei Portalen, zusätzlichen Chat- und Messaging-Funktionen bei Netzwerkseiten oder durch Zahlungs- und Sicherheitsroutinen bei Online-Händlern. In allen Fällen wäre der Entwicklungsaufwand der Zusatzfunktionen im Vergleich zum Standard-Browser überschaubar und durch die stärkere Bindung der Nutzer an die Site abgedeckt.

Je mehr starke Browser-Marken es gibt, desto mehr Nutzer werden dem Internet Explorer von Microsoft dem Rücken kehren. Umso mehr Nutzer wechseln, umso mehr sind aber die Herausgeber der alternativen Browser daran interessiert, in die Weiterentwicklung der Bibliotheken WebKit und Gecko zu investieren. Die daraus resultierenden Aufwertungen der alternativen Browser bringen weitere Nutzer zum Wechsel. Nachdem Microsoft mit dem Internet Explorer aus dem Browserkrieg 1.0 als unumstrittener Sieger hervorging, könnte der Browserkriegs 2.0 auch ohne Sieger enden, sondern mit zahlreichen Wahlmöglichkeiten für die Verbraucher.

Der große Verlierer: Wieder einmal der Datenschutz

Aber zurück zu den Gründen, warum Google einen Browser bringt. Hiervon dürfte es mindestens zwei geben: Zum einen werden eigene skriptlastige Inhalte wie gmail, Google Earth oder Google Maps durch die neue Javascript-Bibliothek beschleunigt. Hier hat Google eigenen, neuen Code eingebracht, den Google künftig auch an anderer Stelle verwenden könnte, nämlich zur Optimierung der Suchmaschine. Derzeit verstecken zahlreiche Webseiten absichtlich oder unabsichtlich bestimmte Inhalte vor Google, indem diese dynamisch per Javascript erzeugt werden.

Der andere große Vorteil von Chrome für Google kommt auch den Nutzern anderer Browser zugute: Chrome sammelt fleißig Daten über das Surfverhalten der Nutzer und meldet diese an die Google-Server weiter. Diese können dazu genutzt werden, die Suchmaschine noch zielgenauer als bisher die beliebtesten Angebote zum jeweiligen Suchbegriff finden zu lassen.

Diese Datensammelei ist es aber auch, die Google zurecht erheblich Kritik eingebracht hat, bis dahin, dass das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ausdrücklich vor dem Einsatz von Chrome warnt. Die Datenskandale der letzten Monaten zeigen, dass praktisch alle Informationen, die einmal gesammelt worden sind, auch auf Abwege gelangen und dort zum Nachteil der Verbraucher genutzt werden können. Die sinnvolle und nützliche Incognito-Funktion wird durch die umfangreichen Datensammlungen im Standard-Modus somit mehr als konterkariert. Schade.

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Quelle: teltarif.de: AGOF internet facts 2011-10, Erwachsene ab 14 Jahre