Über das Internet buchen wir Flüge, zahlen Rechnungen, lesen Zeitung und melden uns für
Seminare an. Es ist das wichtigste Informationsmedium unserer Zeit und für eine ganze
Generation bereits eine Selbstverständlichkeit. Das Internet prägt das Leben und bestimmt
die sozialen Kontakte. Was aber, wenn man davon nicht mehr genug kriegen kann? Was,
wenn das Internet über unser Leben bestimmt?
Abschlussprüfung vergeigt, Kündigung und ein Gefühl der Machtlosigkeit, obwohl er
selbst merke, wie er sein Leben kaputt mache - der Jugendliche, der anonym in einem
Forum über Internetsucht seine Leiden beschreibt, ist kein Einzelfall. Die Betroffenen haben
an die virtuelle Gemeinschaft im Internet alles verloren: überschuldete Häuser, zerbrochene
Ehen, immense Telefonkosten. Nach einer Studie des Münchner Facharztes für Psychiatrie
und Psychotherapie
Dr. med. Oliver Seemann
ist knapp jeder 21. deutsche Internetnutzer abhängig.
Internationalen Schätzungen zufolge geht man von etwa 15 Prozent aus - Tendenz
steigend. Betroffen sind vor allem junge Männer bis 20 Jahre, Frauen über
40 Jahre und Menschen, die bereits unter Depressionen oder anderen psychischen
Erkrankungen leiden. Sie verfallen Onlinespielen, zocken oder sind gar
Onlinesex-süchtig.
Der Grat zur Sucht ist schmal
André Hahn, Psychologe an der
Humboldt Universität in
Berlin studierte einige Jahre das Verhalten von Internetnutzern. Er bewertet die
Kommunikation im Internet grundsätzlich positiv. Doch der Grat zur Sucht sei schmal.
Abhängige vernachlässigen ihre normalen Lebensgewohnheiten, um mehr Zeit im Internet
zu verbringen. Familie, Freunde, Schlafen oder Essen? Fehlanzeige. Onlinesüchtige können
die Dauer im Internet weder kontrollieren noch beschränken. Seine 38-jährige Frau
"zocke" in jeder freien Minute, schreibt ein Hilfesuchender im Forum, sie lebe in einer
Traumwelt und vernachlässige die zwei Töchter. Andere soziale Kontakte abseits des
Internet fänden so gut wie nicht mehr statt.
Ebenfalls typisch: Die Verleugnung des Problems. Ist der Computer einmal defekt, treten
Entzugserscheinungen wie Nervosität, Reizbarkeit, Schlafstörungen und Schweißausbrüche
auf. Und dennoch gibt es kaum Therapiemöglichkeiten. Der Grund: Internetsucht ist als
Krankheit noch immer nicht anerkannt, da sie zu wenig erforscht ist. Laut Dr. Seemann
kann man von Internetsucht ausgehen, wenn neben den Entzugserscheinungen fünf der
folgenden Kriterien über länger als einen Monat auftreten: ein starkes Verlangen oder eine
Art Zwang zum Internetgebrauch, ein Kontrollverlust über die Zeit online, ein deutlicher
sozialer Rückzug wegen des Internetgebrauchs, deutliche Probleme in der Partnerschaft,
im Job oder in der Schule sowie das Fortsetzen des Verhaltens, obwohl man sich der
negativen Folgen bewusst ist.
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Sucht-Symptome |
Entzugs-Symptome |
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- starkes Verlangen nach Internetgebrauch
- Kontrollverlust über Online-Zeit
- sozialer Rückzug wegen Internetnutzung
- Probleme in Partnerschaft, Arbeit, Schule
- Fortsetzung des schädlichen Verhaltens trotz Bewusstseins über die negativen Folgen
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- Seelisch-körperliche Erregung
- Nervosität und Unruhe
- Ängste
- Zwangsgedanken
- Phantasien oder Träume über das Internet
- (un)bewusste Tipp-Bewegungen der Finger
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Wie wir bereits
berichteten, nimmt auch die Zahl der unter
Handy-Sucht leidenden Jugendlichen zu. Vor allem in Japan nimmt das Handy offenbar bereits
einen so großen Raum im Leben von Teenagern ein, dass Experten inzwischen von der
"Droge Handy" sprechen, die den Jugendlichen die Sicherheit wiedergebe, die sie im direkten
Kontakt zu anderen Menschen verloren hätten. Mittlerweile denkt die Regierung laut über speziell
für Kinder hergestellte Mobiltelefone nach, die nur über begrenzte Funktionen fürs Telefonieren
und für Standortdienste verfügen. Der Gedanke dahinter: Mit einem
internetfähigen Handy sind die Jugendlichen in der Lage, alle
Anwendungen zu nutzen, die man sonst vom Internet-PC her kennt.
Trügerische Kommunikation
Betroffene und Hilfesuchende von Internet- oder Handy-Sucht treffen sich in Internetforen wie
www.onlinesucht.de, www.online-sucht.de oder www.netaddiction.com, um sich auszutauschen.
Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Motto. Doch auch hier sind die Betroffenen wieder allein, denn
Internetsucht macht - wie auch Handy- bzw.
SMS-Sucht - einsam und isoliert, auch wenn dies zunächst paradox
erscheint, da der ursprüngliche Zweck des Nutzers ja das Gegenteil bewirken sollte:
Kommunikation und Zugehörigkeit. Bei der Handy-Sucht geht es beispielsweise jedoch nur um
eine trügerische Kommunikation. Das Telefonieren und SMS-Schreiben per Handy ist hier
vielmehr ein Lückenfüller, ein Austausch von Belanglosigkeiten statt wirklicher Zuwendung. Am
Ende bleibt nichts übrig. So wie für einem User, der in einem Internet-Forum klagt, er habe
dadurch seine Frau und seine Kinder verloren und obendrein jetzt noch Schulden.