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Wird Writely das neue Word?28.04.2006
11:13 Webbasiertes Schreibprogramm könnte Microsofts Flaggschiff ablösen
Muss der Software-Konzern Microsoft sich vor einem
nicht mal zwei Jahre alten Unternehmen fürchten, dessen Namen (Upstartle) in Deutschland wohl noch kaum jemand gehört hat?
Vielleicht: Denn das erste und bisher einzige Produkt der Firma - es
heißt Writely - könnte irgendwann eines der für Microsoft
wichtigsten Programme überflüssig machen, die Textverarbeitung
"Word".
So verwundert es auch nicht, dass Upstartle seit Anfang März zum zurzeit wohl wichtigsten Microsoft-Konkurrenten gehört, zum Such-Konzern Google. Writely ist aber nicht nur ein Textprogramm, es zeigt auch, in welche Richtung sich das gute alte World Wide Web gerade entwickelt: Das Web wird immer mehr zur Anwendung. Wer Writely - und seine mittlerweile zahlreichen Vettern und Verwandten - benutzen will, muss sich keine CD im Software-Laden bestellen. Man ruft einfach eine Internetseite auf, registriert sich, und kann mit der Arbeit beginnen. Was der Anwender produziert, kann er auch im Netz speichern - einen am Morgen noch im Homeoffice begonnenen Text kann er so später im Büro problemlos fortsetzen. Und ebenso simpel lässt er danach seine Kollegen ihre eigenen Bemerkungen anbringen. Writely & Co. sind Teil eines Trends, für den sich im vergangenen Jahr auch flugs ein griffiger Name fand: Web 2.0. Neu sind viele der heute unter diesem Trend-Namen verkauften Ideen allerdings nicht. Die grundlegenden Techniken kursieren seit Jahren. Schon der Computerkonzern SUN wollte Mitte der 90er mit dem "Network Computer" die Intelligenz auf zentrale Server im Netz verlagern. Die Anwender sollten nur noch vergleichsweise dumme, leistungsschwache, aber dafür billige Rechner benutzen. Die Technologie-Grundlage stellte damals die Programmiersprache Java dar. Das Rad nur einmal erfindenInternet-Seiten Kenntnis über ihre eigene Bedeutung einzuhauchen, versuchte unter anderem WWW-Erfinder Tim Berners-Lee seit 2001 mit dem "Semantic Web". Diese Funktion übernimmt heute das Tagging, bei dem Websurfer öffentlich einsehbare Etiketten vergeben, die das Auffinden bestimmter Inhalte stärker erleichtern, als die Netzkataloge früherer Zeit das vermochten. Dass Web 2.0 heute überhaupt möglich ist, verdankt es zwei wichtigen Trends: Einerseits ist der Internet-Zugang für viele Menschen dank DSL und anderen Breitband-Technologien inzwischen schnell genug, so dass man auch größere Datenmengen problemlos ins weltweite Netz auslagern kann. Zudem ist es, ob zu Hause, im Büro oder unterwegs, über Handy- und PC-Funknetze nunmehr fast überall bei Bedarf bequem verfügbar - ansonsten könnte man mit einem internetbasierten Terminplaner auch kaum sinnvoll arbeiten. Andererseits hat sich gerade in diesem Umfeld die Open-Source-Idee durchgesetzt: Jeder darf Einblick nehmen, wie Programme funktionieren, und kann Ideen anderer in eigenen Projekten weiterverwenden. Es genügt, das Rad ein einziges Mal zu erfinden. Immer wieder frisch aufbereitenDieses Konzept findet längst auch für Internet-Inhalte Anwendung - auch das ist ein Merkmal vieler Web-2.0-Anwendungen. Und zwar nicht in irgendwelchen Grauzonen, etwa den Musik- und Filmtauschbörsen, die zum Menetekel der Unterhaltungsindustrie geworden sind - tatsächlich wünschen sich Internet-Größen wie Google oder Amazon, aber auch die zahlreichen Verfasser von Internet-Tagebüchern (Blogger) weltweit geradezu, dass ihre Inhalte und Gedanken neu gemischt, frisch aufbereitet werden. Man nehme etwa die passenden Landkarten von Google Maps, gemischt mit Restaurant-Kritiken, und es entsteht ein kulinarischer Führer durch Berlin. Findet ein Blogger ein besonders ausgefallenes Foto bei der Bilder-Gemeinschaft Flickr (mittlerweile von Yahoo gekauft), weist er mit einem Eintrag in seinem Webtagebuch darauf hin. Seine Leser erfahren davon und knüpfen über so genannte Trackbacks und Pingbacks weitere Verbindungen - soziale Netze entstehen. Dass ein Trend dauerhaft ist, merkt man oft am Entstehen der passenden Gegenbewegung - Internetseiten wie Isolatr und Nemester veralbern die Phänomene rund um Web 2.0. Geradezu tragisch ist schließlich der Fall von Snubster: Damit wollte der Programmierer Bryant Chung die Szene eigentlich veralbern - mittlerweile nutzen die Snubster-Fans den Dienst selbst als Online-Treffpunkt. Nirgendwo sonst kann man sich so rege darüber austauschen, welche Menschen und Dinge man besonders hasst. ddp / Marie-Anne Winter
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