Die Telekommunikations- und Mobilfunk-Branche hat sich in dieser Woche auf der
Mobilfunkmesse
3GSM World
in Cannes von ihrer schillerndsten Seite gezeigt. Doch hinter den Kulissen
bereitet sich durch einen neuen technischen Standard ein tief greifender
Wandel in der Branche vor: Die meisten großen Telekom- und Mobilfunk-Unternehmen
setzen inzwischen statt auf Kostenreduktion auf neuartige personenbezogene
Services, um ihre Kunden zu binden und Umsätze zu generieren. Mit dieser
Entwicklung könnten allerdings schon bald Unternehmen ganz anderer Branchen zu
neuen mächtigen Konkurrenten werden.
Noch ist die technische Entwicklung neuer Dienste aufwändig und zeitintensiv

Die technische Entwicklung neuer Dienste wie
Push to Talk, Video-Konferenzen oder
Musik-Downloads auf dem Handy ist bislang noch sehr aufwändig und für die
Schnelligkeit des Marktes viel zu zeitintensiv. Nach Überzeugung von Experten
könnte sich dies jedoch schon sehr bald ändern. Denn Ingenieure arbeiten seit
einigen Jahren an der einheitlichen Plattform IMS, auf der alle künftigen
Services - ob Sprache oder Daten, über das Festnetz oder drahtlos - problemlos
und in kürzester Zeit aufgebaut werden könnten.
Nach Ansicht von Niclas Medman, Senior Marketing Manager des schwedischen
Telekom-Unternehmens Ericsson, kommt dem Standard
inzwischen eine Schlüsselrolle für die Telekom-Industrie zu. IMS steht für
auf das Internet-Protokoll (IP) basiertes Multimedia-Subsystem und setzt auf
einer von Siemens entwickelten Produktfamilie auf.
Mit Hilfe dieses Protokolls sollen künftig problemlos Dienste angeboten
werden können, die Sprache, Text, Bilder oder Videos zu individuellen Angeboten
verbinden.
Verschmelzung von Sprach- und Datennetzen verändert den Wettbewerb

Bereits im Jahr 2008 werden nach Schätzung von Lothar Pauly, Chef der
Siemens-Kommunikationssparte, die Telekom-Unternehmen in Westeuropa mit
Daten-Services bereits über 30 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaften.
"Die Telekom-Unternehmen entwickeln sich derzeit von reinen Carriern zu
Anbietern personalisierter Dienste," bestätigt auch
Unisys-Europa-Chef Dieter
Kastenhuber. Manche große Telefongesellschaften tun sich allerdings noch
schwer, sich von ihrem traditionsreichen Geschäft zu lösen und ihr
Business-Modell mehr auf die Kundenwünsche auszurichten.
Doch mit der Verschmelzung von Sprach- und Datennetzen ändert sich auch
der Wettbewerb. "Damit betreten neue Wettbewerber das Feld, und existierende
Business-Modelle werden in Frage gestellt," sagt Pauly. Nicht nur
Festnetz-Telefonie und Mobilfunk
könnten zu Wettbewerbern werden. Andreas Schaub vom amerikanischen
Systemberatungs-Unternehmen Unisys erwartet, dass sich künftig vor allem
zwischen den Internet- und traditionellen Sprachtelefon-Anbietern die Konkurrenz
verschärfen wird.
Entwicklung der einheitlichen Plattform schreitet schnell voran

Die Plattform verbindet bruchlos so genannte intelligente Sprachnetze
der Telefonie mit IP-Netzen, in denen die Daten paketweise verschickt werden.
Doch sobald alle Dienste über das Internet-Protokoll verbunden sind, sind auch
Internet-Provider wie T-Online oder
AOL in ihrem Kernelement.
"Das Besondere am IMS-Standard ist, dass er in nur wenigen Jahren so
schnell gewachsen ist," sagte Schaub. "Und er ist bereits verfügbar." Die
offene Plattform wird von der 3GPP,
einem weltweiten Verbund von Standardisierungsgremien für die dritte
Mobilfunkgeneration verwaltet. Unisys selbst stellte auf der gestern zu Ende
gegangenen Messe in Cannes erste Schnittstellen für den Standard vor. Von
ersten Lösungen, die auf der IMS-Plattform aufsetzen, werden Kunden
voraussichtlich bereits 2006 profitieren können, schätzt Schaub.
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