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Mobilfunk ohne Radiowellen?

Angeblich neues Datenübertragungsprinzip in Berlin vorgestellt
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Nicht weniger als "Die neue Dimension des Internets" sollte heute in Berlin vorgestellt werden. Eingeladen hatte das Institut für Raum-Energie-Forschung aus Wolfratshausen. Gezeigt werden sollte die Datenübertragung zwischen zwei PCs - und das ohne Kabel, W-LAN, IrDA oder andere klassische Medien. Stattdessen sollten die Daten über das kosmische Hintergrundfeld bzw. per Quanten-Teleportation übertragen werden. Diese Form der Kommunikation sollte selbst bei großen Entfernungen nur verschwindende Energiemengen benötigen, und anders als gewöhnliche Radiowellen auch durch Materie nicht abgeschirmt werden. Zudem sollte sie perfekt abhörsicher sein.

Ohne Zweifel wäre dieses eine Sensation. Man könnte sich eine Kommunikation direkt von Handy zu Handy vorstellen - ohne aufwändiges Mobilfunknetz mit Tausenden von Basisstationen und komplexen Vermittlungszentren, und ohne Elektrosmog. Von netzinternen Gesprächen würde weder der Netzbetreiber noch die Polizei etwas mitbekommen - sie wären also kostenlos und abhörsicher, und das sogar aus dem Ausland. Das wäre schon fast das Telekommunikationsparadies auf Erden.

Keine echte Übertragung

Die Vorführung wurde dem Anspruch jedoch nicht gerecht. Es wurde keine Datenübertragung gezeigt. Zwar waren zwei Laptops zu sehen, die beide unabhängig voneinander im Sekundentakt jeweils dieselben Zahlenwerte anzeigten. Doch dafür ist es nicht erforderlich, dass eine Datenübertragung zwischen den beiden Computern stattgefunden hat. So können auch zwei Radios dieselbe Musik spielen, wenn sie auf denselben Sender eingestellt sind. Zwar gibt es dann eine Übertragung vom Sender auf die zugehörigen Radios, aber nicht zwischen den Radios untereinander. Genauso könnten auch die beiden Computer auf denselben Sender gelauscht haben.

Das vortragende Institut für Raum-Energie-Forschung hat mit "Global Scaling" sogar eine eigene Theorie entwickelt, die einen solchen gemeinsamen Sender plausibel macht. Denn der Theorie zufolge sind es globale Schwingungen des Universums, die viele Aspekte unseres Lebens bestimmen. Diese wären dann auch von den Quanten-Zufallszahlengeneratoren in den verwendeten Computern empfangbar.

Ebenso könnte ein Formelfehler in den verwendeten digitalen Filterroutinen bewirken, dass die Anzeige auf dem Computer nicht mehr vom empfangenen Rauschen abhängt, sondern nur noch von den verwendeten Filterparametern. Statt einer Datenübertragung hätte man dann einfach zwei Programme, die der Reihe nach zufällig aussehende Zahlen ausspucken - natürlich dieselben Zahlen auf beiden Computern, da Software nunmal bei derselben Rechnung zum selben Ergebnis kommt. Da der Quellcode der verwendeten Treiber nicht publiziert ist, gibt es hier auch keine Möglichkeit, diesen Vorwurf gegebenenfalls von unabhängiger Seite zu entkräften.

Auf Nachfragen aus dem Publikum, es sollte doch bitte eine echte Datenübertragung gezeigt werden ("ich tippe auf dem einen Rechner eine Zahl wie 42 oder 4711 ein, und übertrage diese zum anderen Rechner"), antwortete Dr. Müller: "So weit sind wir leider noch nicht in der Entwicklung dieser Technologie." Damit ist die Technik derzeit nicht als Handy-Ersatz geeignet.

Zusätzliche Zweifel rühren daher, dass in dem Vortrag behauptet wurde, dass die Daten aus dem Rauschen gefiltert wurden, das der sogenannte Zufallszahlengenerator (RNG) erzeugt, den Intel seit dem Pentium III in ihre Mikroprozessoren einbaut. Folglich wurde angegeben, dass alle Laptops mit Pentium III, Pentium IV oder AMDs Athlon XP für die Datenübertragung verwendbar seien. Jedoch gibt es keinen RNG im Pentium, sondern nur einen RNG in einigen Chipsätzen von Intel. Insbesondere neuere Chipsätze enthalten diesen RNG nicht mehr.

Handy im Tank

Zusätzlich sollte gezeigt werden, dass die Datenübertragung auch durch Wasser hindurch funktioniert - was bei konventionellen Handys nicht der Fall sein soll. Dazu wurde zunächst ein Handy in einem wasserdichten Gefäß in einem großen Wassertank versenkt. Anders als behauptet war es jedoch weiterhin möglich, das Handy im Aquarium anzurufen, das den Anruf per Vibration anzeigte. Auf den Versuch mit dem Laptop im Aquarium wurde dann komplett verzichtet.

Hierzu ist zu sagen, dass das Wasser im Aquarium auf Handystrahlen nicht viel anders wirkt, als eine dicke Wand. Ein großer Teil der Strahlen wird absorbiert oder reflektiert, ein gewisser Teil dringt jedoch ein. Ist der Empfang schon außerhalb des Aquariums schwach, dann reicht es im Wasser eben nicht mehr aus, um ein Gespräch aufzubauen. Anders im verwendeten TU-Hörsaal, in dem alle getesteten Netze mit Vollausschlag verfügbar waren, vermutlich dank eingebauter Repeater. Eine zusätzliche "Wasserwand" reichte dann nicht, um den Empfang zu verhindern.

Fazit

Somit bleibt das Fazit, das viel versprochen und wenig gehalten wurde. Es war auch grundsätzlich nicht nötig, zu übertreiben. Schon der Effekt, dass zwei Computer an verschiedenen Orten aus dem kosmischen Quantenrauschen unabhängig voneinander dieselbe Zahlenfolge herausfiltern, wäre eine wissenschaftliche Sensation, die die Grundannahmen diverser physikalischer Theorien erschüttert. Denn bisher geht man im allgemeinen davon aus, dass Rauschen ein lokaler Prozess ist, so dass Computer an verschiedenen Orten zwangsläufig verschiedene Rauschsignale empfangen würden.

Wenn aber eine wissenschaftliche Sensation zu einer noch größeren Sensation aufgebauscht wird, und man dann den Nachweis der noch größeren Sache komplett schuldig bleibt, dann muss man sich den Vorwurf der Unseriösität gefallen lassen. Dasselbe gilt für die falschen Angaben bezüglich der RNGs. Und so kann es sein, dass nicht nur an der Hintergrundstrahlungs-Datenübertragung weniger dran ist, als behauptet, sondern auch, dass "Global Scaling" eine aufgebauschte Sache ist. Wir werden also auch in naher Zukunft mit Radiowellen telefonieren, und nicht über das Hintergrundfeld.

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