kassiert

Editorial: Handy-Ticket-K(r)ampf

App statt Fahrkarte: Derzeit nur für wenige möglich und sinnvoll
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Datenschutz beim Handy-Ticket: Vielen Fragen offen.Datenschutz beim Handy-Ticket:
Vielen Fragen offen.
Handys und erst recht Smartphones werden immer mehr zum "elektronischen Schweizer Messer", zum praktischen Helfer für all die kleinen Probleme, die man unterwegs hat: Mal schnell jemanden anrufen, einen Schnappschuss machen, im Internet was nachschlagen, eine Route ermitteln: Alles geht. Etwas geht aber bis heute nicht wirklich: Schnell mal ein Ticket bezahlen.

Gegen Handy-Tickets gibt es zunächst ganz praktische Gründe: Was ist, wenn der Handy-Akku schlapp macht, und man dann am Einlass ohne funktionierendes Ticket bzw. in der U-Bahn sogar als Schwarzfahrer dasteht? Zwar wäre es technisch durchaus denkbar, das Ticket-Modul eines Handys analog den immer beliebteren RFID-Tags vom Lesegerät per Induktion mit Strom versorgen zu lassen. Doch gelten RFID-Tags wegen der einfachen und berührungslosen Möglichkeit zur elektronischen Kontaktaufnahme auch als Datenschutzproblem: Zumeist geben diese beliebigen Lesegeräten bereitwillig ihre weltweit eindeutige ID preis, und ermöglichen so beispielsweise die Erstellung von Bewegungsprofilen.

Überhaupt Datenschutz: Zu Recht kritisiert der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix, dass die Berliner Verkehrsbetriebe unzureichend über die Daten informieren, die im Rahmen des jüngst eingeführten neuen Handy-Ticket-Systems Touch&Travel gesammelt werden. Dass solche Daten immer mal wieder auf Abwege gelangen und für Zwecke genutzt werden, die dem Kunden wenig dienlich sind, war erst vor kurzem Thema eines Editorials.

Mangels NFC-Unterstützung in den meisten Handys müsste das Berliner Nahverkehrs-Bezahlsystem zudem derzeit eigentlich "Make-a-photo&Travel" statt "Touch&Travel" heißen. Alternativ zum Fotografieren von QR-Codes kann man sich auch per GPS orten lassen, was an den meisten Bus- und Tramhaltestellen kein Problem sein dürfte, in überdachten Bahnhöfen und erst recht in unterirdischen U-Bahnhöfen aber schon. Zudem muss der Kunde das richtige Smartphone (Apple ab iOS 4 oder Android ab 2.1) im richtigen Netz (T-Mobile inklusive Provider, Vodafone exklusive Provider) mitbringen und die zugehörige App installieren.

Durch die Komplexität des Ein- und Auscheckens (App aufrufen, Code am Fahrplanaushang oder am Touch&Travel-Schild scannen bzw. GPS-Ortung vornehmen, und dann am Zielort dasselbe Spiel nochmals) bietet die Lösung im Vergleich zum Einzel-Ticket-Kauf praktisch keinen Zeitvorteil. Es bleibt als Vorteil für den Kunden, dass er nicht immer das passende Kleingeld mit sich herumschleppen muss.

Der Lockvogel für die Kunden ist, dass Touch&Travel auch nachträglich mehrere Einzelfahrkarten zu einer Tagesfahrkarte zusammenfasst, wenn das für den Kunden günstiger ist. Zu befürchten ist allerdings, dass dieser für die Verkehrsunternehmen teure Vorteil, nämlich die Abrechnung nach dem jeweils optimalen Tarif, entfällt, sobald das System großflächig eingeführt wird.

Standard in ferner Zukunft?

Touchpoint im Berliner Hauptbahnhof
Foto: teltarif.de
Die Aufzählung zeigt, woran Handy-Zahlsysteme kranken: Fehlende praktikable Schnittstellen und Standards, zueinander inkompatible Insellösungen, zu hohe Provisionsforderungen der Beteiligten. Letztendlich befindet sich das Handy-Ticket damit dort, wo sich das Smartphone für 4 Jahren befand: Technisch war alles möglich, aber dank teurer Tarife und miserabler Nutzerinterfaces (zwei Hotbuttons + Steuerwippe, URL-Eingabe über die Zifferntastatur etc. pp.) war es wirklich kein Spaß und überhaupt nicht massenmarktfähig.

Beim Smartphone war es Steve Jobs, der mit dem iPhone der Handy-Industrie vorführte, wie intuitiv die Bedienung mit einem guten Touchscreen von der Hand geht, und wie gut sich die Verteilung von Applikationen mit einem App-Store organisieren lässt. Bedarf es abermals eines Gurus, der der Industrie vorführt, wie einfach und trotzdem sicher das Handy-Bezahlen ist, wenn man es richtig anstellt?

Aber zurück zum Berliner Handy-Ticket-Problelauf: Immerhin soll System keine Insel werden. Vielmehr zieht man mit der Deutschen Bahn an einem Strang, die Touch&Travel schon seit einiger Zeit testet, anfangs allein auf Basis von NFC-Handys, seit einiger Zeit zusätzlich per App.

Es bestehen also Hoffnungen, dass künftig eine Fahrt von einer Hamburger S-Bahn-Station zu einer Berliner U-Bahn-Station mit einmal Einchecken in Hamburg, einmal Ticket (äh, Handy) Vorzeigen im ICE bzw. IC und einmal Auschecken in Berlin abgewickelt werden kann. Sich am Zielort nicht mit dem Nahverkehrs-Preissystem auseinandersetzen zu müssen, um ein gültiges Ticket zu erwerben, bringt dem Nutzer definitiv einen Bequemlichkeitsvorteil. Wer aber die ICE-Strecke nicht zum teuren regulären Fahrpreis, sondern zum Sparpreis, zurücklegen will, der wird sicher auch künftig vorausbuchen müssen.

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