Ausprobiert

Android 6.0 und die Speicherkarten: Endlich ein Traumpaar?

Android 6.0 Marshmallow kommt mit einem neuen Speicherkarten-Modus: Sind die Probleme von Android mit MicroSD-Karten gelöst?
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Viele Android-Nutzer kennen es: Android und Speicherkarten haben eine komplizierte Beziehung, denn Google hatte den Schreibzugriff auf Speicherkarten bei Android 4.4 Kitkat massiv eingeschränkt. Android 5.0 Lollipop ergänzte zwar einen Modus mit Schreibrechten, intuitiv zu benutzen ist dieser allerdings nicht - denn jede App muss die Schreibrechte explizit anfragen.

Android 6.0 Marshmallow verspricht Verbesserung

Android 6.0 und Speicherkarten: Endlich ein Traumpaar?Android 6.0 und Speicherkarten: Endlich ein Traumpaar? Mit Android 6.0 soll der Spuk ein Ende haben: Google ermöglicht nun, eine Speicherkarte als Systemspeicher einzusetzen. Der Speicherplatz der MicroSD-Karte soll dann tatsächlich den internen Speicher erweitern. Allerdings hat das neue Feature einen Haken: Es ist notwendig, die Speicherkarte neu zu formatieren - darauf befindliche Daten werden dabei gelöscht. Gleichzeitig ist die Speicherkarte in anderen Geräten erst wieder zu gebrauchen, wenn sie erneut formatiert wird. Kurzum: Datenaustausch über die Speicherkarte ist mit dieser Funktion nicht möglich.

Wir haben das Feature einem Praxistest unterzogen. Dafür kam ein HTC One A9 sowie ein Moto G der dritten Generation mit dem Marshmallow-basierendem CyanogenMod 13 zum Einsatz. Als Speicherkarte verwendeten wir in beiden Fällen eine sehr schnelle MicroSD-Karte von Samsung mit 32 GB Kapazität (angezeigt werden hier 29 GB). Im Auslieferungszustand unseres Testgeräts war der 16 GB große interne Speicher des HTC One A9 in etwa zur Hälfte belegt. Das Moto G verfügt nur über 8 GB internen Speicher - hier sind nur rund drei Gigabyte frei.

Alle Smartphones verfügen über einen internen Speicher. Auf diesem finden das Betriebssystem, die vorinstallierten System-Apps sowie die Nutzerdaten Platz. Diese Unterscheidung ist in diesem Fall besonders wichtig, wie sich zeigen wird. Zu erwarten wäre jedenfalls, dass künftig sowohl der integrierte Speicher des Smartphones und die Speicherkarte zusammen addiert den nutzbaren Speicher ergeben. Das Moto G zum Beispiel sollte gut 35 GB Speicher aufweisen (wegen unterschiedlicher Basen der Berechnung von Mega- und Gigabyte scheinen die Zahlen etwas krumm zu sein - wir erläutern das Problem in einer eigenen Meldung).

Speicherkarte als internen Speicher einrichten

Zunächst steckten wir die Speicherkarte in das HTC One A9. In den Speichereinstellungen wurde die Karte nun angezeigt und stand zunächst ganz klassisch als Speichermedium zur Nutzung bereit. Wir wählten nun den Punkt "Als internen Speicher formatieren". Dabei wird die Speicherkarte vollständig ins System eingebunden und lässt sich nicht mehr mit anderen Geräten verwenden - Android nennt dies: "speziell gesichert". Außerdem werden bei diesem Vorgang alle Daten der Speicherkarte gelöscht. Nun gut. Nach einer knappen Minute war der Prozess erledigt. Nun fragte uns das Smart­phone, ob wir vorhandene Daten auf die Karte verschieben möchten. Wollen wir. Und los.

Die Speicherkarte als internen Speicher formatieren.
Die Speicherkarte als internen Speicher formatieren.
Nach einer knappen Minute ist alles eingerichtet. Um zu sehen, wie sich das System verhält, knipsten wir Fotos, drehten ein paar Videos und installierten gigabyteweise 3D-Games. Zunächst fallen aber kaum Unterschiede ins Auge. Weiterhin ist die Speicherkarte mit ihren 32 GB in der Speicherübersicht hinterlegt. Im Dateimanager von HTC ist sowohl der interne Speicher als auch die SD-Karte angezeigt. Wählen wir jedoch ein Verzeichnis auf der Karte aus, so wechselte die Anzeige stets in den Modus Speicherplatz.

Dem Phänomen kamen wir mit dem Dateimanager Cabinet auf die Schliche: Hier konnten wir sehen, dass der interne Speicher nun insgesamt 29 GB groß ist. Das ist genau die Größe der Speicherkarte - die zu 32 GB 'fehlenden' 3 GB sind auf unter­schied­liche Basis-Einheiten zurückzuführen. Die Speicherkarte erweitert also nicht einfach den internen Speicher, sondern ergänzt ihn um einen weiteren Speicherort, der allerdings nicht vollständig im internen Speicher aufgeht. Nun gibt es quasi zwei interne Speicher: Zum einen den integrierten Speicher des Smartphones. Auf diesem finden sich weiterhin das Betriebssystem sowie die vorinstallierten Apps. Standardmäßig werden Apps oder Bilder nun jedoch auf der Karte installiert. Auch beim Moto G ist dieses Phänomen zu sehen: Wir füllten den Benutzerspeicher (also die Speicherkarte) komplett mit Daten, sodass nur noch wenige Megabyte frei waren. Auf dem klassischen integrierten Speicher des Smartphones waren aber noch zwei Gigabyte frei. Weder ließen sich unter diesen Bedingungen Screenshots speichern noch Apps installieren. Doch es gibt einen Weg, den integrierten Speicher zu nutzen:

Viele Apps lassen sich zwischen den beiden Speicherorten hin- und her schieben. In den Detail-Einstellungen einer App lässt sich deren Speicherort festlegen. Der Punkt "Speicher" zeigt dort an, ob die App auf der Speicherkarte oder im internen Speicher liegt. Auf Wunsch lässt sie sich in den anderen Bereich verschieben. Damit kommt Android aber offenbar nicht gut zurecht: In einem Versuch konnten wir zwar große Apps von der Speicherkarte in den internen Speicher verschieben, aber daraufhin installierte der Play Store Apps wieder in den internen Speicher. Da ist ja typischerweise der Platz aber Mangelware! Erst wenn wir erneut die Daten vom internen Speicher auf die Speicherkarte migrierten, erfolgte die Installation wieder auf die Speicherkarte. Offenbar legt nur diese Funktion wieder die Speicherkarte als Standard-Ziel für Installationen fest. Hinzu kommt, dass manche Apps sich (im Falle unseres Moto G) gar nicht auf die Speicherkarte verschieben ließen - Geekbench beispielsweise, aber natürlich auch vorinstallierte System-Apps. Kurzum: Wer beide Speicherbereiche ausreizen möchte, muss sich kleinteilig um die richtige Aufteilung der Apps zwischen integriertem Speicher und der Speicherkarte kümmern - und läuft dabei offenkundig in einige Probleme bei der weiteren Nutzung des Smartphones.

Vom Standpunkt der Benutzerführung lautet das Zwischenfazit: Die Funktion ist spannend - vor allem, weil der Nutzer den kleinen internen Speicher des Smartphones oder Tablets erweitern kann und so auch mehrere große Spiele installieren kann. Im Fall unseres Moto G beispielsweise: Hier ist es sinnvoll, den knappen 8 GB internen Speicher durch eine große Speicherkarte zu erweitern. Beim HTC One A9 ist hingegen der Gewinn deutlich kleiner, zumal die Probleme mit dem Speicherort von Apps und Daten bestehen. Wie unsere Versuche allerdings ebenfalls gezeigt haben, geht die simple Rechnung "integrierter Speicher + Speicherkarte = verfügbarer Speicher" nicht ohne weiteres auf. Praxistauglich ist eigentlich nur der Verzicht auf den integrierten Speicher - zumindest solange es keinen Weg gibt, das richtige Speicherziel zum Beispiel für App-Installationen festzulegen. Wer sich nach der Einrichtung der Speicherkarte als internen Speicher und dem Verschieben der Apps und Daten nicht weiter kümmert, hat zunächst keinen Zugriff mehr auf den integrierten Speicher.

Im Alltag: Keine Umstellungen nötig

In puncto Performance hatten wir keine Probleme - allerdings verwendeten wir auch eine sehr schnelle Karte - mit angeblich 80 MB/s Schreib- und 90 MB/s Leserate. Apps starten weiterhin flott und es war nicht auszumachen, dass die Speicherkarte gegenüber dem internen Speicher einen spürbaren Unterschied macht. Das kann aber mit langsamen Speicherkarten durchaus anders aussehen, da ja alle Daten auf dieser gespeichert sind.

Die Speicherkarte ersetzt den internen Speicher.
Die Speicherkarte ersetzt den internen Speicher.
Solange die Speicherkarte eingelegt ist, macht das neue Format der Karte für Apps keinen Unterschied. In unseren Tests stießen wir auf keinerlei Kompatibilitäts­probleme.

Konstruktionsbedingt: Speicherkarten oft im SIM-Karten-Schlitten

Bei einigen Smart­phones der letzten Monate konnten wir ein merkwürdiges Konstruktionsdetail sehen: Häufig verwenden SIM-Karte und MicroSD-Karte den gleichen Schlitten. Wer also seine SIM-Karte wechselt oder vorübergehend in ein anderes Handy stecken möchte, steht kurzzeitig vor einem Problem. Denn solange die Karte nicht vorhanden ist, sind auch die darauf befindlichen Daten für das System nicht griffbereit. Zwar handelt es wohl nur um wenige Sekunden, aber auch in dieser Zeit kann es sein, dass eine App auf den Speicher schreiben möchte.

Es gibt also Situationen, in denen es unvermeidlich ist, die Speicherkarte zu entfernen. Aber wenn die Karte alle Apps und alle Daten enthält: Was passiert in einem solchen Fall?

In den Speichereinstellungen lässt sich die Speicherkarte auswerfen. Android warnte uns, dass die Karte in keinem anderen Gerät lesbar sei und dass Apps möglicherweise nicht mehr funktionieren. Einleuchtend ist das natürlich, denn die Apps lagern ja auf der Speicherkarte. Aber offenbar kommt Android mit der fehlenden Speicherkarte jetzt auch ins Straucheln: Screenshots konnten nicht mehr gespeichert werden, weil kein Speicher eingebunden war - eine entsprechende Fehlermeldung war im Dateimanager des One A9 war zu sehen. Kurioserweise lassen sich Apps über den Play Store weiterhin installieren.

Die Exit-Strategie

Zu guter Letzt beendeten wir das Experiment und wollten die Speicherkarte wieder dauerhaft entfernen und mit dem regulären internen Speicher Vorlieb nehmen. Also formatierten wir die Karte zum mobilen Speicher. Dabei deinstallierte Android alle Apps, die auf der Speicherkarte lagen - häufiges Wechseln von Speicherkarten ist also nicht empfehlenswert.

Wünsche bleiben offen

Wünschenswert wäre, dass der Nutzer die Karte extern - zum Beispiel an seinem Computer - mit Inhalten befüllen könnte. Dies ist aber nicht vorgesehen. Außerdem liegt nun auch der reguläre interne Speicher für Benutzerdaten oder App-Installationen brach - schade, denn dessen zusätzliche Kapazität könnte im Fall der Fälle eine willkommene Ergänzung sein.

Insgesamt ist die neue Funktion von Android weniger für den Austausch von Dateien gedacht, sondern vielmehr für den internen Gebrauch im Tablet oder Smart­phone: Hauptsächlich profitieren gigabytegroße Apps und Spiele davon. Wer dagegen Filme und Musik auf seiner Speicherkarte vorbereiten möchte, um sie auf dem Android-Device abzuspielen, sollte weiterhin auf die klassische Form der Speicherkartenformatierung setzen. Auch wer viele Fotos und Videos schießt und diese mittels Speicherkartenleser auf andere Geräte transferieren möchte, benötigt das neue Feature eher nicht - denn die Fotos und Videos sind ja vor den Augen anderer Geräte versteckt.

Fazit: Android und Speicherkarten fremdeln weiterhin

Obwohl die neuen Funktionen für Speicherkarten zunächst recht gut klingen - so haben sie doch einige gravierende Nachteile. Eine flexible Speichererweiterung ist für Android-Smartphones weiterhin nicht verfügbar. Allerdings können zumindest Besitzer eines Smart­phones oder Tablets aufatmen, die einen zu kleinen internen Speicher aufweisen: Hier ist es nun ohne weiteres möglich, einen größeren Speicher einzusetzen. Wer hingegen gehofft hat, mit der Speicherkarte den regulären internen Speicher zu erweitern, der muss sich auf eine kleine Usability-Katastrophe einstellen. Wünschenswert ist mindestens eine einfache und genaue Steuerung, welche Daten auf die Speicherkarte kommen und welche nicht.

Fragen bleiben aber weiterhin offen: Warum schafft es Google nicht, Speicherkarten einfach den Apps dafür Schreibrechte zu geben (so wie es vor Android 4.4 war)? Anwendungen könnten ihre Daten in - wenn gewünscht - verschlüsselte Verzeichnisse ablegen. Klar, nach einigen Monaten sieht die Dateistruktur auf einer Speicherkarte oftmals chaotisch aus, es liegen nicht mehr benötigte Daten drauf und niemand weiß so recht etwas mit den diversen Unterverzeichnissen anzufangen. Aber das ist ja letztlich bei USB-Sticks oder externen Festplatten am PC nicht anders. Die vermeintlichen Ordnungs- und Sicherheits­bemühungen von Google nähren den Verdacht, dass es vor allem um Gängelung der Nutzer geht. Google scheint weiterhin davon überzeugt, dass Daten in die Cloud gehören. Für viele Anwendungszwecke ist das aber keine gute Lösung.

Update-Hinweis, 3. Februar: Im Artikel haben wir einige Präzisierungen vorgenommen und Beobachtungen mit einem Moto G der dritten Generation ergänzt. Dabei zeigt sich: Mit etwas Willen ist der integrierte Speicher des Smartphones doch nutzbar (im Gegensatz zu einer Aussage in der Ursprungsversion des Artikels). Allerdings bleibt das Fazit bestehen: Mit Speicherkarten tut sich Android weiterhin schwer.

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