Versandkette

Editorial: Liefert Amazon bald selber?

Amazon macht viel Umsatz, aber wenig Gewinn. Ist es die Lösung, künftig die eigenen Pakete selber zuzustellen? Und wenn nein, kann Amazon dennoch Vorteile aus dem Projekt schöpfen?
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Amazon will eigene Pakete selbst ausliefernAmazon will eigene Pakete selbst ausliefern Es wird immer klarer, dass Amazon in Zukunft sein Geld weniger mit dem klassischen Geschäft eines Online-Shops verdienen will, als vielmehr mit dem Service drumherum: Betrieb von Online-Shops für Drittanbieter, Vertrieb von digitalen Produkten (E-Books, Filme) und schließlich durch die eigene Auslieferung der Waren. Für letzteres forscht Amazon nicht nur an Liefer-Drohnen, sondern macht nun auch erste Schritte im klassischen Geschäft eines Paket-Dienstleisters: Der Auslieferung von Paketen durch Zustellfahrer.

Amazon versucht durch das Erschließen der zusätzlichen Geschäftsfelder, sich künftige Gewinne zu sichern. Denn mit dem klassischen Online-Handel macht Amazon zwar hohe Umsätze, aber kaum Gewinn. Grund dafür ist vor allem der hohe Preisdruck im online-Handel: Ist Amazon im Vergleich zur Konkurrenz zu teuer, dann wechseln viele Kunden kurzerhand den Versender.

In dieser schwierigen Ertragssituation ist die Optimierung der eigenen Kosten ein möglicher Ausweg: Wenn Amazon die eigenen Pakete auch gleich selber zustellt, ist das möglicherweise günstiger als die großen Paketdienstleister wie DHL oder Hermes.

Kein Vorteil ohne Nachteil

Zudem können innovative Versandkonzepte, wie die kostenlose Zustellung noch am selben Tag, von Amazon mit eigenem Personal grundsätzlich flexibler getestet und besser umgesetzt werden als mit einem fremden Dienstleister.

Dem Vorteil, die Pakete auf der ganzen Lieferkette nicht mehr aus der Hand zu geben, steht aber auch der Nachteil geringerer Paketzahlen gegenüber. DHL und Hermes liefern ja nicht nur Amazon-Päckchen aus, haben also insgesamt mehr Aufträge. Folglich liegen die anzufahrenden Haushalte und Büros dichter, die Paketfahrer verbringen weniger Zeit auf der Straße und können öfters zeitsparend einem Empfänger gleich mehrere Sendungen überreichen. Je mehr Paketfahrer beschäftigt werden, desto kleiner kann man auch die einzelnen Zustellbezirke zuschneiden, und desto besser kennen die dort tätigen Fahrer ihre Kunden. So wissen sie, welche Empfänger in der Regel vormittags zu Hause sind, welche nachmittags, und welche Personen besonders bereitwillig Pakete für ihre Nachbarn annehmen. Alles das spart am Ende Zeit.

Es kann also durchaus passieren, dass Amazon mit dem Angebot eines weiteren, klassischen Zustelldienstes scheitert. Dann haben sie mit den eigenen Verteilzentren, wie aktuell eines in Olching bei München aufgebaut wird, und eigenen Zustellfahrern aber dennoch wichtige Informationen über die Kostenstruktur eines Logistikers gesammelt. Bei den nächsten Vertragsverhandlungen mit DHL, DPD, Hermes und Co. sind diese mit Sicherheit Gold wert! Ebenso ist denkbar, dass Amazon nur bestimmte Teile der Lieferkette übernimmt: Etwa die Auslieferung von ihren großen Paketzentren direkt in die Verteilzentren der Zusteller.

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